Neid
Privatroman
Kleine Lebenswelten stürzen nach außen, die dazupassenden kleinen Lebensweisheiten
nach innen. In der Mitte treffen sie einander. Touristische Aktivitäten zur
Vermarktung von Kultur und Geschichte sollen, ausgerechnet an so einem Ort,
plötzlich zusammengefügt werden wie kurzgeschlossene Drähte, bis sie, nicht
einmal ein Auto in Gang setzend, funkensprühend, zischend zurückschlagen, um
den Einzug in unser Fassungsvermögen ordentlich vorzubereiten, was bedeutet:
Spaßfaktor! Spaßfaktor! Der wird gesucht, bitte, ich verdiene ja nichts daran,
und Sie verdienen es nicht besser. Lesen Sie, daß ich dem Substandard zuzurechnen
bin, das heißt, mir wird faktisch nichts mehr zugerechnet, denn ich habe schon
alles und brauche nichts. Meine Größenordnung ist nicht alarmierend, aber ich
bin doch ziemlich groß geworden, und ich sehe derzeit keine Nachfolgerin. Nein,
ich sehe nur noch Nachfolgerinnen und bekämpfe sie entschlossen. Aber diese
Gegend und diese Menschen brauchen ihre stille Reserve (ich brauche sie nicht!),
die Größenordnungen dessen, was fehlt, sind nicht allzu alarmierend, und man
muß ja bedenken, daß ein funktionierender Markt auch eine Mobilitätsreserve
in Form von zeitweilig Arbeitslosen und/oder zeitweilig leerstehender Wohnungen
benötigt, denn man muß die Arbeitslosen ja irgendwo hineintun, wo es noch leer
ist, sonst stehen sie im Eck oder am Eck und spielen Geige, nur schlechter als
ich oder Brigitte, von der die Rede ist, nein, noch nicht, aber bald. Was ich
benötige, interessiert keinen, das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb
ich es nicht bekomme. Eine Gemeindeverwaltung, vertreten durch den Vizebürgermeister
in seiner Funktion als Fremdenverkehrsreferent, schlägt der Stadt nun ein neues
Bild ihrer selbst vor. Ein Bild ist kein Spiegel, daher erkennen sich die Menschen
darin nicht. Diese Stadt ist unter der harten Peitsche der Bergmänner langsam
gestorben, unter der Peitsche dieser Alraunmännchen, des Wassermanns im nahen
See und andrer sagenhafter Gestalten, nachdem sie unter der Peitsche, welche
die Knochen von Menschen freigelegt hat, jahrhundertelang immer wieder zum Leben
erweckt worden ist; das ging sehr leicht, es war ja alles da, das Erz faktisch
auf einem Tablett serviert, und sie ersehnt jetzt die Geißeln des Tourismus,
die Stadt, nach dessen feineren Schlägen, der aber nicht kommt. Sie öffnet jeden
Tag den Mund, als begriffe sie sich selbst nicht, die Stadt, die immer kleiner
wird und abgebaut wird wie der Berg, der früher immer zuverlässig das Erz geliefert
hat, bis andre das Erz billiger gaben, sie öffnet den Mund, aber was ihr hereinkommt,
ist nicht: Sie werden es auch noch billiger geben! Nein, was wir heute wieder
hereinbekommen haben, ist nur die übliche Nahrung an Verstauchungen, Prellungen,
Brüchen, von denen ich schon oft gesprochen habe (man hätte auf den Sport nicht
setzen sollen, man hätte lieber sitzenbleiben sollen, nicht in der Schule des
Lebens, aber vorm Fernseher, das wäre ungefährlicher gewesen und hätte die Krankenkassen
nicht soviel gekostet), und Infarkten neben tränenüberströmten Frauen, von denen
ich verhältnismäßig selten gesprochen habe, und die froh sind, an diesem Nachmittag,
da der Mann, noch im Rohr des Berges, schwer verletzt wurde (nach den Verletzungen
des Berges selbst fragt ja doch keiner), niemanden zum Kaffee eingeladen zu
haben und frei zu sein, denn auch der Mann hat ein Recht auf einen Mangel, die
Freundinnen haben es sowieso, sie haben in unsren Augen nur Mängel. Aber die
Infarkte kommen eh rücksichtsvollerweise fast immer zeitig in der Früh.
Die Loipen sind ein Geheimtip, da es sie noch gar nicht gibt, sogar Trendsportarten
kann man ausüben, wo Platz ist (es ist keiner, aber es muß einer geschaffen
werden. Noch findet hier ein Werteverfall statt, aber vielleicht werden
wir ihn stoppen können und ein Gasthaus namens Stadl erbauen), und bei
genauerem Hinsehen zeigt sich, wie verschieden die Vorstellungen von einer
Fremdenverkehrsentwicklung an diesem Ort sind, der Platz wäre ja da, was
nicht heißt, daß er schon angekommen ist, aber der Wille fehlt, sagt einer,
der Wille sei da, aber der Platz fehle, sage ein andrer, wo immer er ist,
hier, in meiner Nähe, kann er nicht sein (denn was er sagt, stimmt sicher
nicht oder so, wie er es sagt, nicht). Aber die Stadt stirbt trotzdem,
obwohl sie mit solch tiefgehenden Spritzen in ihr Fleisch, das zum Sterben
bestimmt ist wie jedes Fleisch, künstlich am Leben erhalten werden soll.
Das sind doch alles Eingriffe, das haben die Lokalpolitiker und die Gewerbetreibenden
nicht bedacht, als sie verabsäumten, rechtzeitig Lokale zu betreiben und
sie abends nicht allzu zeitig wieder zu schließen. Jetzt fahren die Leute
noch wo andershin, ist dieser Trend umkehrbar? Nein. Wir fokussieren das
öffentliche Interesse auf das Langlauf–Loipenprojekt mit allem Zubehör,
das nicht aus simplen Stöcken und Skiern besteht, wir weisen auf unseren
Ort, jedenfalls ungefähr in seine Richtung, damit man auf Gemeindeebene
endlich fordern kann, daß der Ort vergrößert werden muß, damit die Leute
ihre Freizeit, und sie haben nur Freizeit, dort, wo dann Platz wäre, hineinwerfen
können (andre werden dann hinzueilen, weil sie glauben werden, hier gibts
was gratis, aber sie werden
schon merken, daß sie einen Skipaß lösen und einlösen werden müssen),
denn das, worauf wir weisen, ist dann richtungsweisend für diesen Ort,
auch wenn die Loipen etwas außerhalb liegen (noch liegen sie am Boden,
aber bald werden sie aufstehen, sobald sie errichtet worden sein werden)
und um den Ort herumgehen, anstatt geradewegs und mutig sich in diesen
hineinzuwagen. Die Liftanlagen sind veraltet und wenig attraktiv, da müßten
doch endlich neue herkommen können und sich auf Dauer ansiedeln wollen!
Aber wenn etwas bleiben soll, muß ihm etwas geboten werden, und das ist
nicht einfach bei Menschen, die sich um Gebote nicht scheren, und kämen
sie von Gott selbst, na, dann wird ihnen halt das Fell (oft von geschundenen
Hunden, deren Haar sich sträubte, um schön auszusehen) über die Ohren
gezogen, welches sich an einer feschen Parka–Kapuze befindet, ihr Schaden,
wenn sie sich nicht selber scheren lassen wollen, sie versäumen soviel!
Sie könnten so viel Spaß haben, ich sagte es schon. Das kann doch nicht
so schwer sein, etwas Tolles geboten zu bekommen, Paris Hilton in einer
Dose, nein, mit einer Dose, oder wen anderen mit einer tollen Stimme und
einer tollen Anlage, damit diese Stimme verstärkt werden kann, aber bitte,
mit silbernen Löffeln wird es nicht gehen, man wird hart arbeiten müssen
in seinem Körperhäusel, das sich am zugigen Gang befindet, Substandardkategorie
D minus kein Wunder, daß die Leute wegfahren wollen, wir könnten
davon sehr profitieren, wir könnten nur profitieren, wir alle können nur
profitieren, wenn unsre faulen Kredite, aber auch die fleißigen, an die
Heuschrecke Zerberus, dieses Heimchen, das uns unsere Heime kosten wird,
verscherbelt werden, pauschal und zu einem guten Preis, wenn auch nicht
für
uns! – Hauptsache, unsere Körperwohnung, zumindest die noch vorhandene,
wird überwiegend von jemand anderem bewohnt bzw. relativ rasch wieder
der Nutzung zugeführt, von jemand andrem besessen zu sein und besessen
zu werden! Mit Blei in den Füßen wird es vielleicht gehen, daß man hierherkommt,
um leichtfüßig sein Geld auf den Kopf zu hauen, daß es schreit und eingeht,
bis es ganz verschwunden ist. Für das gesamte Land ist eine innerhalb
der Grenzen erlaubte Neutralität nicht schlecht, man hat Entscheidungsebenen
frei, wohin man auf Urlaub fahren möchte, weil man sich nicht entscheiden
muß, na, irgendwann schon, die Neutralität ist ein brauchbarer Halt, den
einem ein Liftbügel nicht einmal am Arsch gibt, das muß ich zugeben, was
braucht es, wozu braucht es Abfangjäger? Na, es braucht sie eben. Dabei
brauchte es ja nur den Hut abzunehmen, das Land, damit man auf das Darunter
sieht, den Diener, dem Hutabnehmen zur zweiten Natur geworden ist, und
jede Frau, zumindest diese Frau und diese dort auch, weiß, wie wichtig
das Darunter für den Körper und den Volkskörper ist. Nur Paris braucht
kein Darunter, die hat es nicht nötig, gestützt zu werden. Das Darüber
ist aber auch wichtig, sagt die zweitgenannte, ich meine die zweitgereihte
christliche Partei, mein liebes Tagebuch, dir hier vertraue ich es alleine
an, leider wissen es die anderen auch schon!, die erstgenannte Partei
organisiert verschiedene Kulturveranstaltungen, sie muß ja irgendwann
mal wissen, was auf ihrem Partezettel draufstehen wird, wenn sie verliert,
mit Kulturveranstaltungen, um eine Neubelebung des Ortes schonsam vorzubereiten,
wird sie garantiert verlieren, und da kommt die Geigenlehrerin Brigitte
K. ins Spiel, spät genug, und sie geht gleich wieder, aber sie wird
auch immer wiederkehren, man muß ja immer wieder kehren, der Dreck kommt zuverlässig
zurück, der ist das Zuverlässigste, was es gibt, und auch Musik ist so eine,
die setzt sich ein Leben lang fest und ist nicht mehr loszukriegen, und irgendwer
muß sie ja vertreten, als ihre Stellvertreterin auf Erden. Brigitte, ja, ob
Saite oder Taste, in diesem Fall Saite, sie vertreibt Kümmernis und Betrügernis
und die Menschen selbst, die Musik. Versuchen Sie einmal, an dieser Ecke Geige
zu spielen, nein, lieber dort drüben! Sicher ist sicher, dort höre ich Sie nicht
mehr, und Sie werden bald so allein sein, wie Sie es ohnehin bereits sind. Brigitte
K. hat diese Stelle an der Teilzeitmusikschule durch das Teilzeitchristentum
(eine Stunde pro Woche, und danach, im Gasthaus, kann man es dann unter Alkoholeinfluß
gemütlich wieder vergessen) bekommen, durch die Partei des Christentums, die
sie kennt, und umgekehrt, umgekehrt ist wichtiger, das Christentum und seine
Partei, das sie empfohlen hat, vielleicht weil es sich von der Restbevölkerung
längst empfohlen hat. Das Christentum wie die Musik sind einfach nicht logisch,
tut mir leid, ich könnte noch vieles dazu sagen, aber es wird Sie kaum interessieren,
doch es ist auch wieder gut, daß es so ist, denn es gibt neben der Logik und
der Rationalität auch andre Dinge, die einem die Welt erschließen und sie andren
vergällen können. Musik. Aber Moment mal, wir spielen noch nicht! Wir spielen
zwar gern, aber jetzt nicht. Jetzt ist es unser Ernst, der spielt, der macht
das schon recht ordentlich für sein Alter. Also ich sage jetzt: Musik ist, wie
jede Kunst, die keine ist, das Gegenteil von Natur, und sie sagt das, was unfaßbar
ist, während die Natur durch Loipen, Pisten und Golfplätze eingefaßt und erfaßt
werden kann. Das prägt das Gehirn, und zwar für immer, negativ, in seiner Einstellung
gegenüber Tönen, aber positiv gegenüber der Natur, in der nur Naturlaute erschallen
dürfen, Traktoren, Kreischsägen, Fabrikssirenen, Sprengungen und Todesschreie
und Wutschreie, wenn der Golfball im Wasser verschwindet. Immerhin, es sind
schöne und gut angezogene Menschen, die ihre Wut hier herauslassen und die Sau
ab Mitternacht durchs Dorf treiben, während wir jedesmal schliefen und das Tier
in diesen Menschen leider wieder nicht sehen konnten. Es wird aber im TV am
nächsten Tag eine Aufzeichnung gesendet werden, dorthin, wo wir sind, mit und
in Sicherheit. Erst einmal betonen wir, oder lieber nicht? Nein, wir betonen,
da uns nichts andres übrigbleibt von unsrem schmalen Gehalt, oder wie das Außerberger
Forum, nein, nicht der Innerferner Berg, es tut, die landschaftliche Schönheit
der Gegend, den Ertrag, den diese verloren hat, müssen wir dafür vergessen.
Und, oh weh: das Gasthaus am See, dem wunderbaren tiefen grünen See, suchen
Sie so einen, Sie werden ihn nirgendwo wiederfinden, aber Sie haben ihn doch
schon! Sie haben ihn schon, das Gasthaus wird jetzt allerdings wegen allzu vieler
Baugefälligkeiten geschlossen (dagegen waren die Umwegsrentabilitätsgeschäfte
der Eurofighter ein Dreck, nicht der Rede wert, aber ich rede ja und rede, jetzt
schon, da ich ganz am Anfang stehe, kann gar nicht mehr aufhören, werde es auch
nicht, dies hier ist privat!, obwohl nichts davon der Rede wert sein wird),
Gefälligkeiten waren das, die die Gemeinde an ihm, dem Gasthaus am See, geleistet
hat, die aber letztlich doch nichts genützt haben. Es wird noch jemand im Gefängnis
sitzen deswegen, warte nur, balde ruhest auch du, oder nein, das kann noch Jahre
dauern, wir gehen nämlich in Revision, damit wir wieder wie neu werden, wie
unschuldig. Aber bis es soweit ist, werden noch viele sterben. Das Haus wurde
bereits gestürzt, bevor es selbst stürzen konnte. Ich könnte es aus Mitgefühl
und Zartheit auch unterlassen, das zu sagen, aber: Diese Stadt stirbt, und ich
frohlocke, weil mir das ja auch bevorsteht, und zwar bald, balder als bald.
Diese Stadt nehme ich dann mit, doch vielleicht macht sie es nicht einmal so
lang wie ich, was auch immer! Derzeit sorgen allein die Betreiber von zwei Kiosken
für das leibliche Wohl von Besuchern, die nicht kommen, im Grunde sind also
auch diese Kaufstände überflüssig. Hohe Investitionen sind nötig, um Aufstiegshilfen
auf den neuesten Stand zu bringen, nur die Menschen bleiben liegen und stehn
nicht mehr auf. Wer hilft ihnen? Also ich helfe ihnen schon mal nicht. Wo ich
doch schon bald sterben muß, helfe ich niemandem. Es bringt nichts, ihnen zu
helfen. Sie machen nur umso gelassener im Liegen und Lügen weiter, wenn sie
nicht stehen können, was viele Gründe haben kann und viele zusätzliche Möglichkeiten
der Betätigung bietet, letztes Jahr war es der Kirtag im Nachbarort, der noch
naturbelassener ist, weil niemand auf die Idee gekommen ist, an ihm herumzuhämmern,
zu bohren, zu sprengen und die Reste dann unter noch mehr gigantischer Staubentwicklung
abzutransportieren, und es kommen, Geduld bitte, sie kommen gewiß!, die Innerberger
Kulturtage – Kulturtage gibt es inzwischen ja überall, auch innerhalb der Berge,
denn irgendwas muß die Kultur ja endgültig umbringen, damit nicht wir sie in
unserer Umarmung ersticken, doch wenn sie bloß ihre Tage hat, stirbt sie deswegen
noch nicht – Kulturtage also, die wiederum dagegen ankämpfen, in der Natur belassen
zu werden und am Ende, mittels Getränken, die bei manchen das Stehen verhindert
haben, eine weitverbreitete Nebenwirkung von Kulturveranstaltungen, welche aber
stets danach kommt, nach der Kultur, den Menschen, der so viel genossen hat,
endlich endgültig flachzulegen. So, da haben wir nun eine industriegeschichtlich
gewachsene Arbeiterkultur, aber erst hinterher weiß man, daß es eine war, weil
sie längst verlorenging. Was verloren wurde, muß ganz sicher Kultur gewesen
sein, denn uns fehlt ja nichts. Es fehlt uns ja nichts. Und dann haben wir noch
die Kultur als solche, sie trägt den Triumphbogen des Fernsehers, sie traut
sich nur sehr spät in der Nacht ans eigene Licht, und sie braucht den Arbeiter
schon mal grundsätzlich nicht mehr, und der braucht sie schon lange nicht. Ich
würde hier, an dieser Stelle, die ich mir selber ausgesucht habe, Brigitte K.
benötigen, die Geigenlehrerin, um an ihr etwas demonstrieren zu können, doch
das mag sie gar nicht, und deswegen kriege ich sie derzeit nicht in die Finger.
Sie will, denn sie ist so bescheiden, daß ich noch etwas über ihr Umfeld berichte,
wo sich Unheimliches im Feldversuch abspielen wird, und da ist sie dann dabei,
Brigitte beim Abspielen von CDs, die vorführen, wie Musik im Grunde, seien wir
ehrlich, wirklich erklingen müßte, um ihren Namen, nein, nicht Brigittes Namen,
überhaupt zu verdienen. Ein Kleid, nein, ein Kleinod aus der Renaissance in
den Alpen (nicht die Alpen sind es, die eine Renaissance erlebt haben! Die kann
nichts und niemand wiedererwecken), wer hat denn seinesgleichen schon gesehn,
lachts wie dem Bräutigam die Braut entgegen? Kultur kommt immer von oben, und
wenn sie von unten kommt, wird sie ausgerissen wie Unkraut oder den Touristen
vorgeführt, bevor man sie in den Müll gibt, die fressen ja jeden Dreck. Reißt
man sie nicht aus, die Kultur, mit der man Geld verdienen könnte, aber nicht
viel, außer man ist in der Hauptstadt und ein Luxushotel, wuchert sie unkontrolliert
und kommt ins Fernsehn, ohne Umweg über die Menschen selbst, und das ist auch
gut so, denn bei dieser Kultur hat man besser eine Mattscheibe zwischen sich
und ihr, egal, in welcher Gestalt sie heute wieder auftritt und posiert, auf
dem roten Teppich, Moment bitte, anhalten für die Fotografen mit ihrem Gewitter
und das Fernsehen mit seinem Seich, den ich nicht Regen nennen will, denn der
Regen ist sogar noch verschmutzter. Oder man ist sogar zu faul, es auszurupfen,
das Unkraut des Volks und seiner Bräuche, die das Volk im Grunde doch gar nicht
braucht, aber trotzdem eingerext hat, vielleicht braucht es sie später, die
Bräuche, man kann ja nie wissen, man will es nicht wissen, es ist wie es ist,
aber dann ist mit einem Mal alles Unkraut. Vorsicht, es findet hier ein Werteverfall
statt! Treten Sie zurück, sonst trifft Sie noch ein Trumm! Bumm! Hören Sie mich
klagen? Nein, kein Wort! Es ist versäumt worden, was auch immer, der Schuß im
nahen Wald ist verhallt, mit dem sich dieser Banker aus Wien vor Jahren hier
umgebracht hat, keiner weiß warum, hatte er doch eine eigene Dienst–, eine Drittlimousine,
um hierher, in den Urlaub (oder war es eine Besprechung mit dem süße, aber harte
Teilchen–Zulieferermilliardär? Dem Mann für die harten Bandagen?), gebracht
zu werden, als Gast beim Milliardär in dessen Anwesen, wo der Banker offenkundig
gebraucht wurde, bevor er tot war, aber um hierhergebracht zu werden, mußte
er erst mal von woanders weggebracht werden, o je, ein andrer erhielt danach
sogleich seinen Posten, ein Umweg um ihn herum hätte die Bank Millionen gekostet,
der Posten muß verkostet, neu verkorkt (damit einen der Geruch nicht ohnmächtig
werden läßt, was man ohnedies schon ist und immer ist) und dann wieder besetzt
werden, und er war nichts, dieser einst mächtige Mann, auf dessen Befehl der
Chauffeur gehupft wie gesprungen ist, ein Nichts in einem lautlosen schwarzen
Wagen mit getönten Scheiben; der Zustand des Schlafens ist wie der des Erwachens,
also kann man von Schlaf nicht sprechen, die Menschen sind unruhig, das Jagdschloß
des inzwischen verstorbenen Milliardärs steht jetzt auch schon länger leer,
fällt mir auf, nur sein Viehzüchter lebt noch und züchtet Biorind, damit die
Weiden nicht brachliegen, sondern im und mit dem Tier und im Verein mit dem
Tier Ertrag bringen, er hat sein Revier aber ohnehin nur einmal im Jahr besucht,
der Besitzer, um Tiere von Einheimischen, die hier nichts besitzen als ihre
Häuschen und vielleicht noch ihre Hände, falls ihnen die von der Sprengung nicht
weggerissen wurden, vor sich hertreiben zu lassen, und das nur, um sie schließlich
und endgültig vom Erdboden zu entfernen, was noch? Also so eine Gegend ist etwas
ganz Spezielles. Das hängt mit dem Eisenunwesen zusammen, mit dem sich lebende
Menschen über Jahrhunderte hinweg intensiv beschäftigt haben, bis sie selbst,
nicht nur ihre Wohnungen, mittels Intensivnutzung zu jenem Substandard D geworden
waren, das ist ein sehr hartes Wort und ein sehr hartes Wesen, aus Eisen eben,
aber wenn man es einmal kennt, tut es einem nichts, denn es ist ja: wesenlos.
Und mit dem Eisenhandel nach Italien hängt es auch zusammen, überhaupt hängt
alles zusammen, wenn auch nicht mit allem, aber nur, falls man es durchschauen
kann, hier, bitte, der Kulturverein durchschaut es bereits, sonst sieht man
nur den roten Faden, zu dem man, wie ich hier, jetzt schon!, verzweifelt zurückzukehren
versucht. Wer will mit?, nein, keine Sorge, nicht mit mir! Ein Auto hat ein
jeder, wenn auch nicht unbedingt eine solche Limousine, eine Dienst–Limo mit
Chauffeur, die ihrem Herrchen aber auch kein Glück gebracht hat, die schöne
junge Frau, die er besaß, hat sehr geweint, sie war untröstlich, und ein kleines
Kind war, glaub ich, auch übriggeblieben und hätte seinen Papa gebraucht, der
jedoch ein Loch im Kopf hatte. Diesen Job dermaßen voreilig hinzuschmeißen und
sich selbst gleich nach, als wäre das Leben ein Roulettetisch, also wirklich!,
ja, was wollte ich noch sagen, und ein jeder ist froh, einmal mit besserem Essen
bewirtet zu werden, ich weiß nicht, warum ich das jetzt gesagt habe, aber sagen
mußte ich es offenbar. Und diese reichen Radmeister von dazumals, heute gibt
es sie nicht mehr, denn heute werden es die Hermann Göring Werke, die guten
Werke dieses großen dicken Menschen, gewesen sein, und jetzt sind es auch irgendwelche
große dicke Werke, die aber keine Namen tragen, damit man sie nicht findet,
nur Abkürzungen, damit man sich nicht an sie erinnert, Gesellschaften, corporations
ohne identity, denen das hier gehört und die es daher abstoßen wollen, damit
man sie nicht selber abstoßend findet, bloß weil sie kleine Teile für EADS und
DaimlerChrysler produzieren wollen, aber es ist egal, was wollte ich eigentlich
sagen, na, mir ist das nicht egal, was ich grade sagen wollte, ach ja die Radmeister
damals, das waren die Besitzer der Eisenschmelzanlagen, und die haben damals
nach der Mode ihren Ort und ihre Häuser so herrichten lassen. Was wollen Sie
machen? Wir müssen heuer zumindest den Sockel neu verputzen, da kommt schon
überall Wasser rein und sprengt, zusammen mit der Hundepisse, die Ecken vom
Haus einfach weg, macht auch nichts, es wohnt eh keiner mehr drin (das kann
auch passieren, wie es mir passiert ist, wenn das äußere Fensterbrettl nicht
um die Ecke gebogen ist, umgepertelt, sagt der deutsche Fachmann, sodaß das
Wasser direkt in die Mauer hineinrinnt, welcher Idiot hat dies erschaffen? Und,
als er sah, daß es nicht gut war, dann mich selbst? Ich wäre lieber nie erschaffen
worden! Wer hat das arme Eisen, das Blech so mißbraucht, ich meine so falsch
gebraucht, wer hat vergessen, es, wie eine Stoff–Falte, einmal umzuschlagen,
damit das Wasser auf der andren Seite wieder rauskann, was soll es denn machen,
wo soll es denn hin, wenn man es einsperrt? Es macht was kaputt, das macht man
immer, wenn einem nichts andres mehr einfällt, und so rede auch ich Blech, beschweren
Sie sich beim Salzamt, nicht bei der Eisenschmelzerei für Rohr–, Winkelzug–
und Biegeeisen! Und wenn man Menschen einsperrt, so müssen sie vorher schon
etwas kaputtgemacht haben, sonst wäre das ungerecht, so, Ende der Vorstellung,
nein, das ist noch lang nicht das Ende, ich fange erst an, o Gott, wer hält
mich auf, so ein Mißbrauch von einem Stück Blech ist nichts andres als ein Mißbrauch,
wie die meisten Menschen den Genitiv oder ihre Genitalien mißbrauchen, weil
sie sich damit nicht richtig auskennen), so, die Hausecken sind demnach weg,
so wie die Ecken vom Berg weggesprengt worden sind, nein, eigentlich kann man
das so nicht sagen, ich werde mich informieren und es sagen, wie man es sagen
muß: Der Berg besteht aus Stufen, ich muß mich erkundigen, wie die dort hingekommen
sind, aber von nichts kommt nichts, und von selber kommen solche Stufen nicht,
sie sind das, was man ihnen von weitem schon ansieht: das Gemachte, und sie
führen in irgendein Menschengemach, das man im schlimmsten Fall dann mit jemandem
teilen muß, das steht fest, und feststeht auch, wie sie gemacht wurden, aber
warum gerade hier? Weil es angekurbelt wurde, daß hier etwas entstanden ist,
es lag ja für den Tagbau zutage, daß in dieser Gegend etwas entstehen sollte,
etwas Produktives, damit sie nicht einfach nur daliegt wie ein gestürzter Herkules,
der ja meist andre gestürzt hat, um sie zu ficken oder zu töten oder beides
hintereinander. Und jetzt ist es tot oder angeschmiert oder abgefickt, was entstanden
ist, ich glaube, es war in gewisser Weise, auf die ich pfeife, immer schon tot.
Totes Erz hat hier Leben erzeugt und erhalten. Gut, aber dieses Kleinod der
Alpen, wirklich hübsch, so wie es ist, mündet in jenen Schandfleck von Einfamilienhaus,
auch das stimmt leider schon wieder mal nicht, wie das meiste, was ich hier
behaupte, nur um mich selbst mühsam zu behaupten, denn was Brigitte K. betrifft:
Sie besitzt ein hübsches, schmuckes Haus, da kann man nicht meckern. Das hat
sie ordentlich hingekriegt. Es hängt als erstes schon mal ein Kranz aus getrockneten
Blumen mit einer Schleife an der Tür und trotzt, in Lebensgemeinschaft mit dieser,
den Gemeinheiten des Lebens und des Wetters, eine Schleife ist das, die sich
endlos wiederholt, nur anderswo, in einer andren Dimension, zu der nur die berühmten
Wurmlöcher zwischen Raum und Zeit führen, probieren Sie es aus! Brechen Sie
jetzt sofort auf, reisen Sie, allerdings müssen Sie dazu auf Lichtgeschwindigkeit
schalten, das ist der ichweißnichtwievielte Gang, ich kann ja kaum fünf auseinanderhalten,
habe den Schaltknüppel bereits seit Jahrzehnten aus der Hand gegeben, und wenn
Sie durch ein Wurmloch zwischen Raum und Zeit vorstoßen, dann kommen Sie zum
Ausgangsort zurück, bevor Sie überhaupt abgereist sind, sehen Sie, und genauso
fühle ich mich beim Schreiben. Bin ich nach Jahren endlich fertig, dann ist
es für mich so, als wäre ich noch nicht mal losgefahren, und ich bin es ja auch
wirklich nicht, denn ich hab solche Angst, mich von der Stelle zu bewegen, vielleicht
damit ich nicht in so ein Wurmloch falle und die Zeit aufhebe, vielleicht hebe
ich deswegen auch alles auf, auch ausgespuckten Kaugummi, mit dem könnte ich
das Loch eigentlich gut zukleben, wer weiß, ob ich das dann überhaupt wollte,
ich kann nichts auslassen und nichts wegschmeißen, aber aufheben kann ich vieles,
ich kann fast alles brauchen, während andre herumfahren und sich interessante
Sachen anschauen, und keineswegs solche, die sie vom Boden aufgeklaubt haben,
sehen Sie: Ein normaler Mensch, der mit normaler Lichtgeschwindigkeit reist,
wäre nach seiner Rückkehr in die Welt schon viel weiter in der Zeit (warum sollte
er das wollen, frage ich mich? Damit er das entsetzliche Fernsehprogramm in
dieser Zeit nicht zu sehen braucht?), aber wir nehmen ja das (gedachte, denn
vorstellen kann man es sich nicht, und geben tuts das auch nicht) Wurmloch,
und an dessen andren Ende wartet immer eine wesenlose Gestalt, ein Gespenst,
ein Untoter, zumindest eine Tragbahre mit Rollbeinen und zwar mit Belag, also
mit jemand darauf, der grad nicht so gut drauf ist, und die Bahre werden wir
dann schon brauchen, wir rufen sie an, die Geister der Vergangenheit, die wir
nicht loswerden, dafür sorge ich schon, und wenn ich die einzige bin, nein,
bin ich nicht, es sind sogar mehr als alle übrigen und gewiß mehr als alle,
die übriggeblieben sind, die diese Geister offiziell rufen, wenn wir sie benötigen,
die Geister und die Bahre dazu, um die Toten wegzuschaffen und sie gleichzeitig
wieder herzuholen, damit wir sie nicht vergessen können. Menschen werden wir
nicht benötigen, wozu auch. Die Toten werden uns ernähren, zumindest wenn wir
JournalistInnen oder SchriftstllerInnen sind. Also wenn man heute zu meinem
eigenen Haus, meinem eigenen Haus (E. J.), das mir gehört, so hinschaut, ich
weiß nicht, ja, wie schaut denn das aus? Ich bin eine eingetragene patentierte
Einfamilienhausbesitzerin und gleichzeitig, in derselben Person, und zwei Personen
fehlen mir noch, daß ich Gott bin, Rächerin von Besitzlosen, das geht gut zusammen,
die beiden können gut miteinander, die Besitzer und die Besitzlosen, bei mir
können sie das, ich weiß, wovon ich rede, eigentlich sollte ich danach trachten,
rasch wieder selbst in Nutzung zu kommen, damit sich mein Häuschen rentiert,
weil, wenn ich benutzen kann, was da ist, die action dann endlich dort stattfinden
wird, mit vielen Freunden, Essen, Getränken und so, denn das Gros meines Leerstandes
fällt schon vielen Leuten auf, und sie wollen, nein, nicht in mich hinein, nicht
in mein Haus hinein (wer würde dorthin schon wollen? Na, einen Trottel mindestens
kenne ich, der würde dort wohnen wollen, also eigentlich kenne ich nur einen
einzigen, denn meine Mutter ist zum Glück inzwischen eingegangen, wenn auch
nicht zum Herrn, denn die hat nie einen Herrn über sich geduldet und selbstverständlich
auch nicht unter sich), sie wollen so gern bewohnt sein, die meisten Leute,
egal von wem, wenn sie nur nicht allein sind, ist das komisch, ich wälz mich
auf dem Fußboden, das Gros meines Leerstandes fällt also nicht auf, auch gut,
das Gros meines Leerstandes fällt nämlich in bessere Wohnkategorien, vielleicht
sogar in die besten, denn ich habe nicht meinesgleichen, zum Glück gibts mich
nur einmal, seien Sie froh, daß ich kein eineiiger Zwilling bin, sonst müßten
Sie das alles noch einmal lesen, und zwar ganz genauso wie beim ersten Mal.
Und auch mein Haus, doppeltes Glück, gibt es nur einmal, und zwar ausschließlich
für mich, und ich verzeichne keinen Anstieg der Wohnbevölkerung, ich bin und
bleibe eine, ein Stück Mensch, ganz ähnlich wie Brigitte K., aber doch irgendwie
anders. Genau deswegen wählte ich sie aus. Weil ich anders bin, aber irgendwie
ähnlich. Sie will es nicht, von mir erwählt werden, aber sie muß, ich will es,
und hier, nur hier habe ich etwas zu wollen und etwas, mich aus und in Wolle
zu verstricken, diesen Satz habe ich mindestens schon zehnmal benutzt, aber
er ist immer noch gut, oder? Er rennt schnüffelnd die ganze Zeit herum, der
Satz, und wenn er einen andren Zusammenhang findet, einen neuen, dann frißt
er ihn auf und setzt sich dorthin, wo der Zusammenhang hätte mit etwas andrem
zusammenhängen sollen. Das ist so einer von den vielen Sätzen, den ich mir aufgehoben
habe, obwohl schon ausgerissene Haare, Wollfasern und Brezelbrösel darin verfangen
sind, so wie sich Menschen in andren Menschen verfangen. Wahrlich, ich sage
Ihnen, mein Haus schaut so aus wie ein Bett im morgendlichen Zustand hinterlassen
wurde, nein, natürlich nicht wie Hitler uns alle hier hinterlassen hat! Hier
in dieser Industriegegend, wir schwenken wieder um, zu Brigitte, nach der sich,
außer mir, normalerweise keiner mehr umdreht, weil jeder sie kennt, es gibt
hier ja nur noch ungefähr 6 000 Menschen, im Gegensatz zu vor zehn Jahren, da es das Doppelte von ihnen
gab, wie soll ich sagen, die doppelte Menge, also 12 000 halt, hier im Erzgebiet
war ja alles rot, was die politische Frage betrifft, nicht vom Blut, da können
Sie jeden fragen, und bitten Sie höflich, daß ihm ein Wort dazu ohne Aufstiegshilfe
aus dem Mund steigt, heutzutage sagt ja keiner mehr die Wahrheit, weil er von
vorneherein weiß, was er sagen muß, mit Wahrheit hat das nichts zu tun. Es ist
vorbei, daß etwas wahr gewesen ist. Es ist nun vorbei. Der See ist schön. Das
ist so. Im See der Hecht. Der See ist echt, der ist natürlich echt, der ist
echt natürlich, seine Oberfläche ziert sich noch manchmal, aber dann gibt sie
wieder Ruh. Der ist hier im Original entstanden und geblieben, der ist kein
primitiver Stausee, von Baggern ausgehoben, und ich kenne seinen lieben Namen,
aber ich sage ihn hier nicht, und wenn, dann ist er mir rausgerutscht, sonst
klagt auch der See mich noch, ich wahre deshalb seine Persönlichkeitsrechte,
sonst klagt mich die gesamte Gegend mitsamt ihrer gesamten Bevölkerung, und
es klagen hier schon genug Leute, die ebenfalls Menschen sind, aber bald werden
sie das woanders sein müssen. Es klagen viele, aber wir, wir werden keinen Richter
brauchen. Wir werden auch keinen kriegen. Also hier klagen schon viel zu viele
die Menschen an, die vor ihnen gelebt haben und Nazis waren, Nationalsozialisten,
sagt der Dichter, der korrekt bleiben und zitiert werden will, alles Nationalsozialisten,
manche katholische Nationalsozialisten, ich will das nicht, doch ich falle in
seine Einfälle prompt mit ein und klage ebenfalls an, da sind wir schon zwei,
plus zweihundert andre, zusammengebunden in Vereinen, das ist viel zu viel,
das sind viel zu viele, doch wenn dieser große Dichter es schon sagt und der
dort drüben auch, und zwar genau dasselbe wie ich, nur anders, wenn so viele
das sagen, da wollen wir doch vorsichtig geworden sein, wenigstens mit unseren
mündlichen Äußerungen, nicht wahr, weil wir das nicht so gut können wie der
und der und der dort auch, meinetwegen auch die da?! Es wird jetzt so viel über
diesen Todesmarsch geklagt, nein, wird es nicht, kennen Sie den schon? Gesprochen,
geklagt, aber nicht von mir, ich werde nur geklagt, weil ich die Persönlichkeitsrechte
von einem Menschen verletzt haben soll, ich werde angeklagt, die Klage wird
zurückgezogen, dann wird sie wieder eingebracht, alles nicht von mir, ich habe
bereits zu oft gesagt, was ich gesagt habe, was denn nur, daß alle so böse sind?,
andre haben es sogar noch öfter gesagt, es muß ein Ende mit uns haben, und wir
müssen davon, naja, sterben müssen wir alle, aber doch bitte nicht so wie die,
das will doch wirklich keiner, wer würde sowas wollen?, daß noch im März und
April 1945 (bitte das Wort nicht aussprechen, nicht das Datum, nicht den Sinn,
den es nicht macht, nichts nichts nichts!) dieser Spießrutenlauf der Tausenden
jüdischen Arbeitssklaven – solche Worte will ich hier aber schon gar nicht mehr
wiedersehen, ich sagte es doch, warum sehe ich dann noch diese Worte? Wo ist
der Schwamm, wo ist die Tafel, wo ihre lieben Namen aufgeschrieben sind, daß
ich sie endlich lösche, Entschuldigung, ich finde diese Tafel jetzt nicht, wo
soll die bitte sein? Da waren 150 österr. Gemeinden samt Gemeindeämtern, wo
die Gemeinde auf den Punkt gebracht wird, auch heute noch, und dort blieben
Erschossene und vor Erschöpfung Verstorbene erst mal zurück, aber es blieben
immer noch welche übrig, also was tun? Ich klage an und werde geklagt, die Klage
wird eingestellt, die Klage wird zurückgezogen, ja, das mache ich jetzt, ich
ziehe die Klage zurück, aber o Schreck, da steht es schon, da steht es schon
wieder dumm herum, obwohl ich es doch unterdrücken wollte, ich habe eine Löschtaste,
die sollte eigentlich recht gut funktionieren, die funktioniert praktisch immer,
und wenn der Server crasht oder das Programm abstürzt, nein, dann nicht, aber
ansonsten funktioniert diese Löschtaste delete immer einwandfrei, nur ich funktioniere
leider nicht so, wie Sie das von mir wollen und wünschen, und ich funktioniere
sowieso nicht, auch wenn Sie das gar nicht von mir verlangen, ja, Sie auf Ihrem
hohen Roß, wer immer Sie sind, ein Denker, der das Dressieren von Haselnüssen
und Fischgräten zu seinem Hobby gemacht hat, neben dem Denken, mit dem er nicht
ausgelastet ist, ich sollte endlich ruhig sein wie die Toten, aber ich will
noch nicht, was, ich muß trotzdem? Na schön, einmal noch klage ich, und dann
ist Schluß, Ehrenwort, gilt sowieso nicht, denn ich habe meine Ehre doch längst
verloren, da sind sie nun, die Gespenster des nennen wir ihn Bichlsteins (das
ist der Berg, man muß ja nicht immer nur vom See reden, die Berge sind auch
noch da, unübersehbar, ich meine, man kann sie gar nicht übersehen, aber den
Namen dieses teuren Berges mußte ich verändern, sonst klagt auch der mich noch
wegen Verletzung seiner wiederum ganz eigenen Rechte, ich habe wenig Schmeichelhaftes
über ihn zu sagen, und er will ja groß in den Fremdenverkehr einsteigen mit
seinem riesigen Bergfuß, so will ich ihm denn keinen Grund zur Klage geben),
das Massaker der Bichlsteiner Blutmännchen, von Erzer Volkssturmmännchen, diese
bösen Gesellen, der Blutrausch wurde entfesselt von ihnen und konnte dann nicht
mehr eingefangen werden, so versuche ich nun, ihn, nach vielen Jahrzehnten,
wieder einzuholen, aber auch mir rutscht er durch die Finger, durch die Zeilen,
durch die Zellen im Hirn, ich hab eh so wenige, und die können es nicht fassen,
was ich sagen will und nicht sagen darf, und zwar nicht, weil man es nicht sagen
dürfte, es wurde ja schon so oft gesagt, sondern genau deshalb, weil es so oft
gesagt wurde, und es ziemt sich nicht für den Dichter, etwas in den Mund zu
nehmen, was andre längst ausgespuckt haben, und das Bereuen ziemt sich nur für
andre, nie für einen selber, da haben sie sich also diesen Blutrausch angesoffen,
die eisernen Männer vom Bichlstein, und über 200 Menschen getötet, also dieses
Wort werden Sie mir schon nachsehen, es ist eh besser, Sie sehen eine Frau in
meinem Alter von hinten, und Sie werden mich auch nie mehr sehen, versprochen,
es ist zu Ende mein Weg, aber deren Weg war es nicht, er war es nicht, bevor
nicht noch eine Menge action, die man damals anders nannte, passiert ist, Wacheskorten
durch lokale Volkssturmeinheiten verstärkt, also das ist so, als ob Sie Ihr
Dach, unter dem aber nichts ist, verstärken wollten, mit Dreck, mit Lehm, verklebt
mit Scheiße, solche Leute waren das, genannt Polizei, Gendarmerie und SS. Sonst
werden wir entlarvt. Und das darauffolgende Verdrängen (auch ein Wort, das nicht
von mir ist, sondern vom Wasser und dem Tempo, das man darin entwickelt, und
wie schwer der Gegenstand ist, den wir darin versenken, der Auftrieb in einer
Flüssigkeit ist gleich dem Gewicht der Verdrängung, ich meine der verdrängten
Flüssigkeitsmenge, jawohl, Herr Sturm mit Ihrem Banner, es weht eh in die richtige
Richtung, nur keine Angst, es weht in Richtung Koalition, und zwar der richtigen,
was, doch nicht? Da bin ich aber froh, für vier Jahre kann ich jetzt wieder
froh sein, das gilt vom Datum des Schreibens an, ab morgen gilt was ganz andres)
und Verschweigen hielt einige Jahrzehnte an, bis hierher und nicht weiter, komisch,
mein Schweigen auch, das heißt, ich wollte, es hielte endlich, aber es fliegt
immer wieder aus der Wand, ich glaub, ich hab den falschen Kleber verwendet,
ich hätte den nehmen sollen, für den jetzt die lustige TV–Werbung gemacht wird,
damit hätte ich Ihnen locker eine kleben können, aber das sind Sie eh von mir
gewohnt und halten daher einen Sicherheitsabstand ein, so ists gut. Mein Schweigen
ist im Grunde keins, denn ich sage zwar immer, jetzt bin ich ruhig, aber ich
bin es nie und werde gedemütigt, gedemütigt und aufs Haupt gehaut, welches doch
meine Hauptsache ist. Ich sollte nicht so empfindlich sein. Was hat man denn
im Alter sonst noch von seinem Körper? Gut. Soweit, so gut. Und die übrigen
Täter haben, während ich alte Frau noch gedemütigt werde (reine Zeitverschwendung!),
genügend Zeit, sich in ihre Unterkünfte zurückzuziehen, in die Geschichte, die
Übersetzung des Wortes: Schutz der Anonymität, wohin man sich zurückziehen kann.
Da haben wir eigene Leute dafür, die entlarven, und andre, die diejenigen entlarven,
die grad erst in ihre Larven gekrochen sind, damit sie ein zweites Mal herauskommen
können, in Blitzlichtgewittern. Sie sollen sich entscheiden: rein oder raus
und aus. Und wären sie dann Schmetterlinge, wir würden sie, nachdem wir jetzt
umfassend über ihr künftiges Tun informiert sind, erkennen und ein zweites Mal
nicht aus den Raupen rauslassen. Wir würden uns davorstellen, damit sie nicht
schon wieder aus unserem gesamten Volk emporsteigen und drei Finger zu irgendeinem
Gruß heben, dessen Namen ich vergaß, nein, es ist gewiß nicht der Hitlergruß,
am besten wäre, sie würden endlich verschwinden, abhauen, sich verpissen, und
wir fänden sie dann nicht mehr, falls sie wieder kämen und nach irgendwelchen
flotten Puppen verlangten. Beim zweiten Mal erwischen wir sie gewiß nicht mehr.
Versprochen. So. Die Jugend wird routinemäßig informiert (bevor sie sich noch
unversehens uniformiert wiederfinden kann), im Zuge der Vergangenheitsaufbewahrung,
die viele schon schließen wollen, denn die meisten Fächer sind aufgebrochen,
aufgewölbt, verworfen, verlassen, die Schlösser gehen nicht mehr, wir gehen
auch nicht fort, manche Fächer sind schlicht zu klein, andre sind wieder zu
schlicht, als daß sie irgendwas fassen könnten, geschweige denn dies, diesen
dunklen Punkt in unserer Geschichte hoch am Bichlstein droben, aber es gibt
so viele Punkte, wir haben andre, nur keine Sorge, solche dunklen Punkte schaffen
wir jederzeit herbei, da müssen wir nicht erst lang und tief herumgraben (und
sie gruben und gruben und gruben, und wer andern eine Grube gräbt, fällt selber
hinein, und der da, der besonders eifrig gegraben hat, ist sogar in einen richtigen
Fluß hineingefallen, der war für ihn vorgesehen, für andre ist andres vorgesehen,
jedem das Seine, manchem die Seine, o Gott, o Celan, verzeiht mir noch einmal!
Mea culpa, sagt meine Religion, die nicht einmal ahnt, was Schuld überhaupt
sein könnte und wie man sie verwenden und wo man sie sogar zur Zierde benützen
könnte, wenn man ein wenig basteln kann, hier, dieses alte Stanniolpapier eignet
sich noch für manches, von dem Sie überhaupt keine Ahnung haben, und sehen Sie,
wie schön das auf einem Christbaum ausschaut, was wollte ich jetzt sagen? Ich
weiß es nicht). Ja hallo! Der See ist auch noch da, die Schulen werden eingebunden,
wenn sie sich das Kreuzband gerissen haben, nein, eingebunden, um im See oder
auf dem Berg Sport zu treiben, die Schulen haben sich schon vorher verletzt
und werden jetzt soeben eingebunden, um Verletzungen erst recht aufzuzeigen,
jetzt erst recht!, ein bemerkenswertes Wendeprojekt im Jahr 2000, sieh an, diese
Wende war anders gemeint, aber hier nun wendet sie sich einmal gegen ihre Bestemmbogenfahrer,
bravo! Ein beispielhaftes Gedenkprojekt der Schulen, dankeschön, getragen werden
von der Stadt die Schulen, die Schüler, die Toten, hübsch und neu aufgebahrt
hinterher, nein, die muß man nicht tragen, gehen können sie zwar nicht mehr
von selber, aber sie sind aufgenommen, ohne Aufnahmsprüfung, die ist eh schon
lang abgeschafft für die höhere Schule des Lebens und die Klippschule des Todes,
all diese Orte an der Marschroute des Todesmarsches Richtung Eisene Stadt konfrontieren
einen, getragen von einem Personenkomitee, welchem ich nicht angehöre, und da
ich keine Angehörige bin, kann ich ganz offen sprechen, mit diesen unsagbaren
Verbrechen, die zahllose Verletzte und Tote forderten und auch bekamen, wie
soll ich es sagen, ich sitze am Krankenlager dieses Landes und tupfe ihm den
kalten Schweiß von der Stirn, daß noch was rauskommen könnte, aber es kommt
nur der Schweiß allein, daß man die Gedenkfeier nicht guten Fußes übersteht,
sie findet nämlich am Berge Bichlstein statt, von wo Moses die Gesetzestafeln
herabgetragen hat, nein, das stimmt nicht, das meiste, was ich sage, stimmt
nicht, Sie brauchen es nicht zu überprüfen, dies aber stimmt ausnahmsweise,
das mit dem Todesmarsch, Schwamm und Gras drüber, ein Eislaufplatz ist nicht
nötig, obwohl der Fremdenverkehr gut einen vertragen könnte, der Fremdenverkehr
ist für das leicht Verdauliche (womit ich nicht den Speck und das Geselchte
und das Skiwasser meine), ich meine den damit verbundenen Gesang, die damit
verbundene Musik und die Fröhlichkeit, humpa humpa hurra, es wird scho glei
dumpa, humpa humpa tätarä! Da kann man ja auch viel tun an so einem unschuldigen
See, in ihm und mit ihm und auf ihm, wenn man die Luftmatratze nimmt oder das
Boot. Aber diese eingebundenen Schülerinnen und Schüler haben in ihrem einmaligen
großartigen Experiment nicht den See gewählt, sondern den Berg, der Todesmarsch
Eisenstraße wurde von ihnen lückenlos dokumentiert, wenn man von den Lücken
absieht, die die Toten gerissen haben, egal wo, nicht hier, keinesfalls hier,
das steht fest, die waren ja nicht von hier, hier haben wir nur Löcher, keine
Lücken, und wir haben die Berge und Seen, und wir haben diese berührende Zeremonie
anläßlich einer Denkmalenthüllung am Bichlstein, alles von Schülerinnen und
Schülern gebastelt, ein ganzes Denkmal, herrlich, wunderbar, ihr jungen Menschen,
ich kann euch gar nicht genug danken, daß ich euch ein paar Zeilen hier bis
aufs Blut schinden darf, um nicht von den Geschundenen reden zu müssen, gähn
und aus. Erinnerungsarbeit und aus. Arbeit am Erzberg: auch aus. Die Esse ist
ausgegangen und kommt nicht mehr zurück. Der Berg ist tot, die Menschen sind
tot, die Erinnerungsarbeit aber lebt, ich bin so froh, es wurde sogar ein eigenes
Theaterstück über diese entsetzlichen Ereignisse verfaßt, who cares. Das ist
schön gemacht und gut ausgeführt worden, meinen Respekt, ja, wirklich, meinen
Respekt diesen jungen Menschen, die der Vergangenheit gedachten, als es diese
nicht mehr gab, vorher nicht, vorher hätte es auch keinen Sinn gehabt, ihrer
zu gedenken, denn vorher gab es sie ja noch, die jungen Menschen aber nicht,
allerdings hieß sie anders, jedenfalls nicht Vergangenheit, da mußte sie nicht
stellvertreten werden von jungen Menschen, da mußte sowieso getreten werden,
in den Kuhfladen und auch sonst. Diese Initiative ist exemplarisch. Exemplarisch
ist aber auch die Einführung des Fremdenverkehrs in den Arsch der Menschen,
aaah, tut das gut, man hat ja gar nicht gewußt, daß es in dieser Öffnung auch
angenehm sein kann, gefickt zu werden! Aber das ist privat. Der Fremdenverkehr
jedoch lebt davon, daß er öffentlich stattfindet und die Leute einander betrachten
und abschätzen bzw. abschätzig betrachten können, bis sie so besoffen sind,
daß sie einander nicht mehr sehen können und sich verbrüdern, denn so ist es
doch, seien wir ehrlich, alle Menschen werden Brüder, das muß sein. Das verlange
ich einfach. Glauben Sie, ich schinde mich hier umsonst? Brüder müssen sie werden
und aus! Dafür müssen sie erst mal herkommen, sonst können sie sich nicht verbrüdern,
und eine gewisse Zeit muß auch verstreichen, damit man sich nicht mehr wirklich
erinnern kann, wer aller kein Bruder war: Jugend gegen die Gewalt, das hat natürlich
Folgen, wenn man aus dem Wirtshaus torkelt und Gewalt ausüben möchte, und da
kommt die Jugend und verbietet uns das. Der Fremdenverkehr ist schon die halbe
Miete, aber wenn betrunkenen Menschen Gewalt verboten wird, macht er nicht mehr
so viel Spaß. Dabei könnte man gerade hier, wo soviel Gewalt gegen Fremde stattgefunden
hat, doch eigentlich Gewalt gegen Fremde zum Thema des Verkehrs machen. Das
gibt es noch nirgends. Da könnte man echt punkten, da würde man in eine Leerstelle
vorstoßen, Gewalt gegen Fremde als Fremdenverkehrung, denn da Gewalt gegen Fremde
nicht ausgeübt werden darf, erklärt man die Fremden zu unseren Brüdern, zu Einheimischen,
zu Einmaligen, zu Ehemaligen, was weiß ich, und dann haut man sie in die Goschen.
Das wäre der Clou. Die Hälfte der Bevölkerung ist inzwischen bereits im Ruhestand,
die könnte leicht, die Betroffenen sind ja noch gar nicht so alt, wieder in
den Unruhestand versetzt werden und zur Gewalt abkommentiert, abkommandiert
werden, die sie ja bereits einmal ausüben, nur andre, gegen wieder andre. Daran
hat man nicht direkt was verdient, was man beim Fremdenverkehr ja möchte, was
verdienen, das haben wir uns aber wirklich verdient, wo wir doch so an dieser
Stadt gearbeitet haben, hätte es hier kein Erz gegeben, wäre diese Stadt immer
noch ein Dorf, jetzt ist sie stattdessen ein Teil des globalen Dorfes und lockt
mit Hilfe einer mit Honig beschmierten Globalisierungsfalle Menschen an, die
nicht mehr wegkönnen, so schön ist es hier, ich glaube, ich habe etwas nicht
richtig verstanden. Nein, Sie verstehen mich nicht! Diese Stadt ist ein Opfer,
auch wenn Sie hier diesen Eindruck nicht gewinnen, glauben Sie mir: Die Stadt
ist auch ein Opfer, wie Sie. Bloß interessiert mich eine ganze Stadt natürlich
mehr als Sie. Zuerst wuchs die Stadt mittels der Arbeitsplätze am Berg, dann
schwand sie dahin, einst: 4 000 Bergleute, gestern nur noch: 210 (wegen Technisierung
werden Menschen geschlossen, leider müssen sie geschlossen werden. Nein, erschießen
ist nicht nötig, das ist nur was für die wohlhabenden Bankdirektoren, damit
sie nicht zu viel Wohl haben, glauben sie, sich töten zu müssen), heute: niemand,
nur noch die vom Schaubergwerk, dafür nimmt man die ansehnlicheren Exemplare,
die mit Fremden, die aber nicht kommen, halbwegs umgehen können. Nur der Todesmarsch
konnte die Eisenstraße nicht umgehen, er fand mitten drauf statt, der Tod auch,
jawohl, das ist bezeugt und wird hiermit auch vom Wirten und mir persönlich
bezeugt. Wo ist der Stempel? Hier ist er. So, ich bin abgestempelt. Ich habe
den neuen Stempel auf die vielen alten draufgetan, man sieht mich vor lauter
Stempeln gar nicht mehr, aber dafür bin ich legal hier, während vom Gesetz her
legal, legistisch?, egalistisch!, gegen mich vorgegangen wird, weil ich Personenschützen
verletzt haben soll, bevor die noch auf mich schießen konnten, verletzt durch
mein ureigenes Urheberrecht, das dann keins mehr ist, wenn es fremde Rechte
beschränkt, und das Recht des Fremden geht vor. Beschränkter als ich können
die gar nicht sein. Hier stehen Fenster und Ladenlokale leer, hinter denen kein
Licht mehr brennt, und auch die vielen Lebenslichter der Todesmarschierer sind
längst ausgeblasen, das kann man auch mit Eiern machen, bevor man sie schön
bemalt, ein jedes Osterei ein eigenes Gedenken, wenn auch innen hohl, aber außen:
oho! Außen hui, innen pfui, hat mein Papi immer gesagt, und recht hat er gehabt.
Diese Stadt erwartet, nein, erhofft sich von den Zuziehenden, die aber keine
Todesmarschierer mehr sein dürfen, das ist ihre Bedingung, außer sie machen
den Tod zu einer Tourismusattraktion (darüber wurde im Stadtrat aber noch nicht
abgestimmt, ich kann Sie beruhigen, die Stimmen der einen erschallen immer,
die andern hört man gar nicht mehr, zum Kuckuck!, so erschallts aus Feld und
Wald), einer BELEBUNG DES ORTES. Gut. Was aber bedeutet Belebung? Ist diese
Stadt eine Sterbende oder sogar Tote? Also nur, weil sie damals Tote en masse
produziert hat, ist sie selber noch lang nicht tot, die hat floriert, die Stadt,
mittels Eisens. Mit dieser Aussage tue ich ihr keinesfalls Unrecht, denn die
Stadt ist, wie gesagt, ein Opfer. Doch heute? Was ist heute? Erst recht Opfer!
Wenn man am Abend, im Sommer, wo es die schönen berühmten Sommerabende gibt,
in die Altstadt kommt, die ist wie ausgestorben. Tot. Keine Menschen. Es jammert
mich, es dauert mich, es dauert und dauert, und dieser Eindruck wird noch verstärkt
durch das völlige Fehlen von Jugendlichen im Stadtbild und auf dem Stadtbild.
Die Jugendlichen sind teilweise, aber wirklich nur teilweise, mit dem Gedenken
an die Verbrechen der Vergangenheit beschäftigt, die können nicht so mirnichts
dirnichts auf der Straße herumrennen, wenn sie doch gedenken müssen, einer muß
es ja tun. Und umso schöner, wenn es die jungen Menschen tun! Da zählt es doppelt,
die haben nämlich noch so viel vor sich, aber dem Fremdenverkehr hilft das Gedenken
überhaupt nicht, denn dieses richtet sich auf die Vergangenheit, und wir wollen
doch in die Zukunft schauen und uns dran gewöhnen, im Hotelgewerbe unterzukommen,
wenn wir keinen andern Unterstand mehr finden. So viele Leute braucht man dort
aber nicht, nicht wahr, ja, was Serviererinnen und Putzfrauen sind, die braucht
man immer und überall, wer soll sonst das Blut wegmachen?, da braucht man die
Frauen, das kann ich mir gut vorstellen, die Frauen dürfen also bleiben, aber
was ist mit den Liftbügelhaltern? Braucht man die? Ja, die braucht man, und
das machen unsere Männer, die können einander die Steigbügel halten, diese Obersteiger,
da werden sie wohl auch noch Liftbügel halten können, und zwar an die richtige
Stelle am Arsch, da wird ja nicht so viel zu tun sein! Typischer Fall von denkste.
Räumen Sie mal die Reste von 200 verstorbenen Menschen weg, und die sind nicht
säuberlich verstorben, die haben ihr Blut um sich herum verteilt, ziemlich rücksichtslos,
andrerseits hat es Beschäftigung gebracht, allerdings zu Zeiten, da noch niemand
Beschäftigung brauchte, denn damals hat man noch eine ordentliche Beschäftigungspolitik
gemacht, das müssen Sie mir jetzt aber verzeihen, ich werde es nie, nie, nie
wieder erwähnen, aber ich konnte es bisher immer so gut brauchen, wie das meiste,
das nicht von mir ist, und das meiste hier ist ja nicht von mir, das kann ich
Ihnen flüstern. Der Fremdenverkehr ist also nötig, er benötigt minderqualifizierte
Arbeitsplätze, die er auch noch selber geschaffen hat, sie sind nicht sehr gut
geworden, finde ich, aber immerhin, es sind Plätze, die, wie selbstgebastelte
Denkmäler, sehr berührend ausgefallen sind, und kaum berührt ihr Ohr, nach einem
langen Tag auf der Piste, das Kissen, sind Sie auch schon weg. Die Leute haben
einen Abstieg genommen, nicht vom Berg, sondern von ihrer früheren Beschäftigung
im Bergwerk, einen Abstieg in Kauf genommen, damit Touristen kommen können und
ihnen den Ort leerkaufen und ihnen die Schneid auch noch abkaufen, wer keinen
Abstieg in Kauf nehmen kann, ist jetzt sicher enttäuscht, ja, auch von mir!
Man muß die Leute nur von der Unmöglichkeit überzeugen, ihre wunderbaren Reize
der Öffentlichkeit einfach so darzubieten, und auch wenn die Bremse kaputt ist,
der Körper aus dem Lot (deswegen fährt er immer um eine Kurve, obwohl gar keine
da ist), treten wir aufs Gas, nein, es heißt: Geben wir Gas, geben wir mehr
Gas (im Zusammenhang mit Umwelt und Sport sehr oft gebraucht: der muß jetzt
aber Gas geben, na, der gibt jetzt aber Gas! Angasen! Abgase! Etc.), stoßen
wir uns zum Nordic Walking mit unsren Stöcken ab, um endlich vorwärtszukommen
und dabei Muskeln zu betätigen, die das gar nicht brauchen und die auch wir
nicht gebrauchen, nur keine Sorge, sie werden eh nicht betätigt, irgendwas machen
wir falsch, doch wir werden auf alle Fälle in unserem lächerlichen Tun bestätigt,
probieren Sie es mal aus, es stehen Trainer zur Verfügung, damit Sie es nicht
falsch machen und die Muskeln gar nicht anspannen und entspannen, Trainer brauchen
wir und haben wir (nein, keine Heimtrainer, wir befinden uns ja mitten im Fremdenverkehr,
wenn auch nicht in der Fremde, und dieser Verkehr findet bei schönem Wetter
natürlich nicht im Saal statt, sonst hätten wir ja zu Haus bleiben und miteinander
verkehren können, nein auch nicht im Heim, der findet daheim bei uns statt,
wo es am allerschönsten ist, irgendwas stimmt hier nicht, aber das Fremdeste
ist ohnehin das Eigene, denn sich selbst will man ja nicht kennenlernen, man
will andere nette Menschen kennenlernen, die nicht grade ein Ungeheuer sind,
um sich mit ihnen zu amüsieren, dafür nimmt man ungeheure Anstrengungen in Kauf,
Reisen, Warten, bis auf die Schuhsohlen Untersuchtwerden, also ist es egal,
was auch immer, man hat jemand Neuen kennengelernt und kann ihn, egal wo er
sich befindet, jederzeit anrufen und zu einer Schlemmermahlzeit einladen, so
sprechen die Menschen auf den Straßen vor sich hin, und man glaubt, sie wären
irre, dabei sprechen sie mit einem lieben Mitmenschen, einem Parasiten in ihrem
Ohr, den sie aber schätzen gelernt haben, sie schätzen ihn nach dem Modell seines
Irrenhauszellentelefons ein, mit dem man auch fotografieren, kochen, pürieren
und püriert werden und sich das Hirn pürieren lassen kann, das ist heute der
erste Eindruck, den man von einem Menschen bekommt, nämlich der Eindruck, den
man auf ihn machen wird, wenn er wieder fort ist und man endlich wieder mit
ihm telefonieren kann, was rede ich da die ganze Zeit, ich brauch wohl dringend
sofort selbst ein Telefon, was?!), ich sage Ihnen hier, wofür, so, wo waren
wir, bevor wir in Bewegung gerieten?, bei den Nordic–Walking–Trainern waren
wir, die in einer Viertelstunde angelernt wurden, obwohl das die lächerlichste
Sportart ist (die Stöcke berühren ja kaum den Boden, für den sie gemacht sind!),
die ich je gesehen habe, außer eben telefonieren, und doch muß man sie lernen
(außer jener, bei der man – Verzeihung! Das Schreiben, das Beschreiben ist nicht
meine starke Seite, das ist sogar meine Schwäche – ich versuche es mal und dann
noch einmal mit sandgefüllten Röhren in den Händen, forsch voranschreitet und
diese Röhren, in denen der Sand unserer Lebensuhr, nein, nicht der, langsam
abrieselt, einmal vor– einmal zurückschleudert, das hat schon einen Zweck, eigentlich
hab ich keine Lust, ihn zu erklären, aber schauen Sie, wenn Sie feste Gewichte
nehmen, um auch den Oberkörper zu stählen, damit er zu Ihren Füßen paßt, kann
es passieren, daß sich die Muskeln zu ihrer eigenen Rettung verkatern und entzünden
und sich immer wieder neu ansaufen müssen, weil die Gewichte starr sind, aber
wenn Sand in dem Getriebe ist, dann können sich die Muskeln drauf vorbereiten,
weil der Sand ja langsam einmal nach vorn und dann wieder nach hinten rinnt
und der Muskel sozusagen ein Voraussignal erhält von den ersten ankommenden
Sandkörnern, ach was, das ist mir jetzt zu blöd, mir fehlen einfach die Worte,
wie soll man da etwas beschreiben! Ich wollte, es gäbe das alles gar nicht in
meiner Nähe, sodaß ich ein Muß fühle, diesen Schmus zu beschreiben, um mich
zu vergewissern, daß es das alles wirklich gibt!), ich versuche es noch ein
weiteres Mal, es geht nicht, ich gehe nicht, komme was wolle, fehle, was fehle,
jaja, wir kommen ja schon!, wir kommen sogar dann noch, wenn andre bei unsrem
Anblick zur Salzsäule erstarren, wenn sie uns kommen sehen. Dann nehmen wir
halt die Hände zu Hilfe, um endlich zu kommen. Es ist nun einmal so, ganz allgemein
gesprochen, daß der Anblick von Wasser, zumindest im Sommer, jeden aufzufordern
scheint, sich zu entkleiden, so wie das Leben einen auffordert, sich zu entscheiden.
Aber Moment, da sind keine, da sind Menschen schon vorhanden, aber nicht ihre
Reize, denn sie haben etwas falsch gemacht, das sie einem retuschierten Foto
nachmachen wollten, und die Retusche haben sie nicht hingekriegt; wie sollen
Menschen auch Reize ausbilden können, wenn sie doch alle gleich aussehen, und
zwar genau so wie sie glauben, daß sie aussehen sollen, weil man ihnen zuvor
Fotos gezeigt hat, die sie mit sich selbst nachmachen mögen, damit ihnen endlich
wer nachstellt? Es folgt die Wende von Fleiß zu Industrie (ja, mein wunderbarer
Dichterkollege, dies ist ein kleines Denkmal für dich, von mir persönlich aus
Apfelbutzen zusammengebastelt, die langsam immer stärker gebräunt werden, bis
sie zusammenfallen!), zum endlich mal richtig Leben, arbeitslos, ich meine ohne
zu arbeiten, lose wie ein Vogel oder ein zusammengeknülltes Papierl in den Tag
hineinzufliegen und nicht wie eine Fliege im Abfall zu landen, dem viel Sorgfalt
zufließt, denn er muß getrennt werden, es muß einfach! Nein, einfach ist das
nicht, aber es geht. Wir sind da unerbittlich, sogar zum Abfall noch. Die Lebensmittelindustrie
hat zusammengefügt, was nach dem Tod sauber getrennt werden muß (eine Paradoxie
zum Abfall, wie ich finde), welcher Mensch bekommt soviel Sorgfalt wie Abfall,
der vom jeweiligen Nachbarn mit Argusaugen beobachtet wird: zuwenig, zuviel,
das Falsche in der falschen Tonne oder gar nichts, weil wir tot sind? Moment:
Öffentlichkeit haben sie hier schon, aber die ist nicht interessiert, in touristischen
Berufen weitergebildet zu werden, nein, sie ist schon interessiert, die Öffentlichkeit,
aber es gibt doch noch gar keine touristischen Berufe, die müssen von uns erst
geschaffen werden, damit wir lernen, was fremd ist, nicht alles Fremde ist uns
nämlich wirklich fremd. Wir müssen geschult werden, damit wir eine regionale
Differenzierung bzw. eine internationale Indifferenzierung vornehmen können,
denn wir selber haben ja historisch gewachsene Altlasten, die weder alt sind
noch eine Last, wir empfinden sie nur so, und was mir noch aufgefallen ist:
Die unmittelbare Nähe der Wohnorte zu den brüllenden Stahlwerken, den hämmernden
Hämmern (zum Glück haben wir die schon vor zwanzig Jahren abgeschafft, aber
es gellen uns immer noch die Ohren von diesen endlich und keine Sekunde zu früh
– obwohl das Sensen am Berg recht elegant ausschaut, im Frühtau zu Berg, fallera,
bumms, runter, und schon steckt die Sense tief im Oberschenkel – die Ohren gehen
uns also über von all dem Lärm, doch für die Fremden nähmen wir sie, falls gewünscht,
gern wieder in Betrieb, die überflüssigen Sensenschmieden, wo sie doch schon
einen Rasenmäher für faktisch nichts im nächsten Baumarkt bekommen können und
das Nichts sowieso überall, und da fährt dann die Autobahn drüber, ich meine
der Spindelmäher, vorbei die Zeit, schön schön schön war die Zeit, da der Eßmeister,
also der Herr, welcher die Esse betätigte, nicht einer, der Gourmetkritiken
schreibt, liest oder beim Gewerken persönlich zu Tisch sitzen durfte, als einziger,
und nicht aufgefressen wurde, heute werden wir von unseren Raten aufgefressen
und sitzen nicht zu Tisch bei den Göttern, wir sitzen beim McDonalds und kaufen
beim Spar, beim Metro, beim Lidl und beim Hofer, weil wir ja nicht beim ursprünglichen
Ausgeber der Waren, für die wir so viel ausgeben müssen, kaufen können), den
sägenden Sägewerken ist heute kaum noch von Vorteil, denn die Menschen fliehen
die Arbeit und die Arbeit flieht die Menschen, die beiden kommen nicht mehr
zusammen, jedenfalls nicht mehr so jung wie sie sein müßten, um überhaupt eine
Arbeit erhaschen zu können. Dort, wo die Arbeit ist, erfolgte ein Niedergang
der Wohnqualität, und zwar unter Qualen, wie schon der Name sagt, während woanders
gute Beispiele der Stadterneuerung gelangen. Aber dorthin muß man erst mal gelangen,
mit Öffis nicht, dazu sind diese Orte zu klein, nur zweimal im Tag der Postautobus,
halt!, den gibts ja auch nicht mehr, der Bahnautobus, eine Absurdität an sich,
aber wir nehmen das Auto, wenn wir eins haben, und haben wir keins, nehmen wir
uns eins, dafür ist jetzt endlich die ganze Stadt erneuert worden, wie schön,
wir bleiben, wo wir sind, das ist etwas, das ich sehr empfehlen kann, aus eigener
Erfahrung. Oder nein, die Berufe, die im Werk gleich nebenan ausgeübt werden
konnten, gibt es schon urlang, manche seit Jahrhunderten, aber es muß der Ort
geschaffen werden, wo sie sich entfalten können. Vielleicht doch besser neue
Berufe schaffen? Im Fremdenverkehr? Diese Stadt ist ein Opfer, nein, nicht meins,
ich sagte es schon, ich kann es gar nicht oft genug sagen. Ich kann nichts dafür.
Wir werden jetzt alle Serviererinnen und Servierer, um den Prinzessinnen und
Prinzen, die zu uns kommen, um ihre Rolle zu spielen, zu servieren, bis wir
selber bedient sind. Schöpfer, bitte melden! Schöpfen Sie bitte hier den neuen
Beruf, hier brauchen wir ihn, jawohl, genau hier!, hier haben wir nicht einmal
ein Klohäuschen von der bekannten Firma dixi, Elfriede dixit. Hier wird noch
ein Falter gebraucht! Ich meine ein Mensch, der sich entfalten kann und will,
er muß es überhaupt wollen, sonst geht gar nichts, sonst wird aus dieser Raupe
nie etwas, er bleibt eine Made im Speck der Sozialhilfe, da kann er gleich Erdäpfel
fressen mit nichts dazu. Mein geisteskranker Vater hat das gemacht, wenn man
ihn gewähren ließ, weil er geglaubt hat, er verhungert sonst. Einen Zusammenfalter
von Damastservietten brauchen wir auch nicht, das geht von alleine. Dafür sollen
sich andre entfalten, bevor sie sich noch aufheben konnten, vor allem Frauen
müssen schauen, daß sie sich konservieren können, damit man ihnen ihr Alter
nicht ansieht. Sie sind nicht Schöpfer geworden, sehr geehrter Herr, um zu schaffen,
sondern um Arbeitsplätze zu schaffen, also Leerstellen, wo einer hinkann und
hin sein darf und auf der andren Seite wieder raus, wie diese Wurmlöcher zwischen
Zeit und Raum, aber das sind gedachte Löcher, oder doch nicht? Muß fragen!,
hab schon mal über sie geschrieben, aber das Falsche, ja, meinetwegen, nochmal
fragen, wieder nix kapieren, raus müssen Sie sowieso, von mir aus auch bei diesem
Loch, das ist nun mal da, wozu hat der Zimmermann, ich meine der Sohn des Zimmermanns,
der das noch nicht wirklich gut konnte, es geschaffen?, egal wo, wo er halt
wollte, meinetwegen dürfen Sie auch Lehrstellen schaffen oder gleich fertige
ganze Arbeitsplätze, zu denen man fahren muß, damit man ihren Lärm nicht abends
beim Fernsehen vernehmen muß, da wir endlich mit uns selbst im besten Einvernehmen
sind, auch ich lasse ja nichts aus, wie Sie sehen, aber ich schaffe nicht, ich
lasse nichts aus, jedoch schaffe ich nicht, versuchen Sie doch, mir in den Arm
zu fallen, ich werde Sie nicht küssen oder streicheln, ich werde Sie fallen
lassen! Ich werde Sie extra fallen lassen, vielleicht sogar einmal öfter, als
andre Sie fallenlassen würden!, jedoch schaffen, nicht schöpfen Sie jetzt sofort,
wir hätten Sie schon gestern gebraucht, schon vorgestern, schaffen Sie also
auf der Stelle Stellen, ich meine Arbeitsplätze und planen Sie in Richtung Gesundheitstourismus
und Gerechtigkeitstourismus (einfach jeder kann wegfahren, wenn er will, auch
halb analphabetische Landsknechte und Mägde waren schon auf den griechischen
Inseln und an der Costa Fatala Brava, bravo! Sie können aber auch dort, wo Sie
sind, Neubauprojekte vom Meer an Land ziehen, damit Sie gar nicht erst wegfahren
müssen und es auch zu Hause schön haben. Nur ich war noch nirgends), sonst werden
die Leute alle noch krank, anstatt daß die Kranken herkommen und sich in der
Therme Loipersdorf oder Oberlaa oder was weiß ich wieder erholen können, alle
in gebührendem gehörigem Abstand von hier, wo es stinkt, von hier nach dort,
wo es nach Tod stinkt, und dort werden Sie sich von den noch nicht Kranken bedienen
lassen können, um auf der Stelle zu gesunden und noch mehr von sich auszugeben
und sich selbst, jetzt vollkommen nackt, mit Schlamm verpackt, in Dreck gewälzt,
erstickt, dafür zurückzuerhalten, bloß ein Teil des Gehalts ist dann weg, als
Prostituierte könnten Sie mehr erhalten, aber nicht regelmäßig, doch Sie werden
schon nächsten Monat einen neuen Gehalt, wenn auch keinen gehaltvolleren, aber
dafür vierzehnmal im Jahr, erhalten. Kein Bedarf, für gar nichts, also wird
geschafft, fleißig, aber es wird leider nichts geschaffen, was ein Fehler ist,
auch meiner. Wieso eigentlich? Warum nicht z. B. im Bikini am Seeufer liegen?
Genau das könnte ich z. B. tun, wenn ich nur wollte. Nun, das kann sich nicht
jeder leisten, aus den unterschiedlichsten Gründen nicht. Das kann sich nicht
jeder Körper leisten, der mit dem dazugehörigen Menschen aber nicht identisch
sein muß, denn manche können es sich leisten, ihren neuen Badeanzug mit dazupassender
Sonnenbrille, dazugehörigen Flipflops (selber ein Flop, aber die Flipflops dazu
sind eh beinahe gratis) zu zeigen, ihre Körper können es aber nicht. Wo und
wie sollen wir uns der Sonne darbieten, wenn es hier nicht einmal eine Umkleidekabine
oder ein besagtes besungenes Toilettenhäuschen gibt? Sollen wir uns im Wasser
darbieten, mit all unseren Endausscheidungen, sollen wir ins Wasser pinkeln?
Ja, was bleibt uns übrig. Was übrigbleibt, muß raus. Alles muß raus. Es gibt
doch so viele Sorten von Körpern, diesen Menschenkörpern, in denen sich alles
abspielt, ob am oder unter Tag, manche veredelt, andre ganz im Naturzustand,
den kaum einer erträgt, der die Besitzer des Zustands der Natur einmal in natura
genauer betrachtet. Nur weil Sie für nichts mehr in Betracht kommen, soll man
Sie nicht betrachten? Doch doch, Sie wollen, daß man Sie wenigstens am Strand
von einem See oder einem Meer betrachtet, dort zählt nämlich mehr als das, was
man ist, dort zählt, wie man ausschaut. Nur sie selbst, die nicht mehr in ihre
Badekleidung passen, weil sogar die Kleidung sie schon längst aufgegeben hat
(wie sie sich selber), sie zählen nicht mehr, diese Leute schauen offenkundig,
ausgerechnet hier, wo sie für uns vollkommen offen daliegen, nicht mehr in den
Spiegel, und sie sehen sich daher selten, aber sie sehen sich immer noch recht
gern, bitte, danke, das heißt aber doch wohl nicht, daß wir sie auch anschauen
müssen, oder? Es wäre eine Zumutung, die haben Mut, auf die Straße zu gehen!
Einmal in der Auslagenscheibe ein verwischtes, vorüberzitterndes Abbild, neben
zuwenig andren Menschen, wo eine jahrzehntelange, ungebrochene Abwanderung gebrochener
Menschen nach der Blüte des Bergbaus zu eklatanter Überalterung geführt hat,
sodaß die Zahl der Menschen wie der Haushalte, die diese führen sollen (das
ist aber auch schon das einzige, was die je führen werden und geführt haben,
seit sie einen lieben Führer hatten!), massiv absinkt, bis auf den Grund des
Sees, der völlig grundlos hier ist, oder etwa, damit die Luft mit ihm spielen
kann und wir uns in ihm spiegeln können? Allein, immer allein, als Frau sowieso
allein, treten Sie zurück von mir, wenn Sie die Unterschiede zwischen den Geschlechtern
sehen wollen und nicht bloß eine Pseudogleichheit zwischen Ihren Angehörigen,
nein, zwischen den Angehörigen einer Kategorie, die brauchen Sie, um überhaupt
vergleichen zu können! Ich ordne Sie und mich einem Geschlecht zu, den Rest
einem anderen. Diese Ordnung habe ich mir persönlich zu eigen gemacht, da bin
ich eigen, ich brauche so eine grobe Kategorisierung, damit ich überhaupt etwas
über Menschen aussagen kann. Mehr fällt mir dazu nicht ein, als daß ich unbedingt
von der Selbstverständlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit ausgehen möchte, um
endlich woandershin zu kommen, aber wohin? Wird nicht schon gewußt, wonach man
fragt, bzw. wird nicht schon gesehen, wonach man sucht? Das ist mir so oft vorgeworfen
worden, daß ich es gar nicht mehr zählen kann, Sie können daher auf mich nicht
mehr zählen, wenn Sie wissen wollen, welches Geschlecht denn jetzt gewonnen
hat. Sie waren vorhin extra im Wettcafé und kehrten gewinnlos zurück. Ich zeige
darauf: dieses, denn es hat durch das neue Make Up und den neuen Pulli ungeheuer
gewonnen! Mehr gewinnen kann man gar nicht. Wir verlassen also unser Geschlecht
und wenden uns dem anderen zu, das uns aber auch nichts zu sagen hat (wir wüßten
die Antwort je schon), denn wir können ihm einfach keinen geordneten Fremdenverkehr
bieten. Dieses Geschlecht von Arbeitern will ja nicht einmal mehr mit sich selbst
verkehren, aber es muß. Es gibt kein andres. Das andre Geschlecht ist inzwischen
zu weit weg, als daß sie es erreichen könnten. Es denkt die Lehrerin Brigitte
K. nicht solche Gedanken, weil ihre Gedanken schon längst woanders sind, sie
sind ihr vorausgeeilt, sie sind dabei, für eine Schülerin eine Mozart–Sonatine
auszusuchen, ob die nicht noch zu schwer ist für die Patricia? Was hat das damit
zu tun, daß eine qualitative Veränderung des Geschlechterverhältnisses zumindest
theoretisch möglich sein müßte? Wenn man fest übt? Wenn man sagt: Dieses Geschlechterverhältnis
ist ja viel schöner als der Verkehr zwischen den Geschlechtern, der oft in ein
Verhältnis ausartet, aber noch keines sein muß. Das ist ja das Schöne, alles
kann sein, aber nichts muß. Es kann etwas draus werden. Die Geschlechter sind
nun mal eine Realität, und hier ist es verdammt schwer, Realitäten zu verkaufen,
wo die Bevölkerung doch so massiv abwandert. Die Preise für Realitäten sind
nicht sehr hoch. Finden Sie nicht, daß die geschlechtlichen Differenzen, ich
meine Differenzierungen, und die damit verbundene Ungleichheit gesellschaftlicher
Realitäten und gesellschaftlichen Realitätenbesitzes eine alltägliche Erfahrung
sind und daher verändert werden können, ja, verändern Sie Ihre Erfahrungen,
wie real auch immer sie sein mögen, verändern Sie sie! So. Nun sind sie verändert.
Ich mach das schon. Ich habe nie gelernt, die mir zugewiesene Geschlechterrolle
auszufüllen, aber Ihnen werde ich das schon noch beibringen, diese ewige Wunde,
diese Amfortaswunde, die schließt sich nie, verrate ich Ihnen, wo hab ich das
schon mal gesagt? Wahrscheinlich schon öfter, wie ich mich kenne, denn ich bin
immer schon von den in der natürlichen Einstellung verharrenden und den Menschen
selbstverständlichen Wirklichkeiten ausgegangen, das heißt, ich gehe so gut
wie gar nicht mehr aus, damit ich kein Verhältnis mit dem andren Geschlecht
beginnen muß und das dann wieder endlos beschreiben, entsetzlich, entsetzlich!
Ich erspare es Ihnen. Ich versuche, mich Frauen zu nähern, und da ist schon
eine, Brigitte, die Geigenlehrerin, die ein schweres geschlechtsinduziertes
(ausnahmsweise mal nicht industrieinduziertes) Schicksal hatte, schon dieses
kleine Schicksal fasse ich kaum, ich glaube, ich habe den falschen Beruf, danke,
daß Sie nicht applaudieren und mich damit stören, doch wir sind derzeit ausnahmsweise
nicht im Theater, und wir machen auch keins. Brigittes alltägliche Lebenswelt
ist privat. Vielleicht fällt mir noch was ein, das ich dazu oder dagegen sagen
könnte. Ihr Lebenszusammenhang ist ein völlig andrer als er einst in
Bruck a. d. Mur war, wo sie mit einem wohlhabenden Geschäftsinhaber verheiratet
war, bis die junge Sekretärin ihn ihr weggeschnappt hat, und die Sekretärin
spielt kein Instrument, dafür spielt sie alle Stückln, das können Sie mir glauben,
die Figur ist gut, der Körper ist jung, der Mund ist brav, das Kind ist klein,
der Vater ist stolz, Brigitte ist weg. Egal, es hört ja doch keiner, so denkt
Brigitte K., die jetzt an dieser örtlichen Musikschule unterrichtet, die im
Hauptberuf vormittags eine Volks– und Hauptschule ist, mit angeschlossenem Hort,
falls jemand seine Kinder für länger abgeben möchte, die ihm keiner freiwillig
abnimmt, und wenn nicht, dann überfallen sie Menschen, die keinen Schutz und
Hort haben, von keinem Drachen Fafner bewacht. Doch halt, die Bewachung ist
ja überhaupt die Überhauptsache, denken Sie an die liebe Mama, die sich mit
ihren drei Töchtern zwecks Bewachung mitsamt ihrem eigenen Müll in Linz–Urfahr
eingesperrt hat! Eine Ur–Erfahrung, verzeihung! Und nur dies wollte ich eigentlich
sagen, die Bewachung ist sehr wichtig, weil nur unter Bewachung die Kinder den
gewünschten Verlauf nehmen und sich nicht mehr in die Disco verlaufen können.
Mich bewacht jetzt keiner mehr, auch kein Mutterdrachen, der mich verwahrlosen
ließe am Berge der Reichen, Kontrolle ist besser, das mit dem Vertrauen schenke
ich mir, das kenne ich nicht, ist mir noch nicht vorgestellt worden. Eine Frau
ist und bleibt eine Frau, weil ich von Anfang an, seit ich zum ersten Mal ein
Blatt Papier erblickte, dem Geschlecht, siehe oben, falls Sie es überheblich
überlesen haben, eben den Vorrang vor anderen Differenzierungsmerkmalen gegeben
habe. Das war vielleicht ein blöder Fehler gegen den mündigen Leser. Aber jetzt
kann ich das nachträglich nicht mehr ändern. Ich wäre ja den Rest meines Lebens
mit Änderungsarbeiten beschäftigt! Das Bleibende muß halt noch etwas länger
bleiben, bis ich tot bin. Die zwanzig Jahre, wenn ich Glück habe, wird es wohl
noch aushalten können. Wird es müssen, denn es ist kein Klo in der Nähe. Noch
einmal: Daß die Frau einen Beruf hat, fällt ihr bei der Scheidung vom Mann auf
den Kopf, welcher ihr Besitzer ist, Manna vom Himmel, die Stelle vor dem Komma,
die er hat, sie aber nicht, sie hat keine Stelle, halt, grade hab ich doch gesagt,
sie hat eine, aber Geigenlehren ist keine Stelle, auf der Sie oder ich stehen
wollten; ein Beruf fällt der Frau also manchmal auf den Kopf wie ein Dachziegel,
auf dem drei Meter hoch Schnee plus liegt, wenn sie vom Manne weg will, der
doch längst schon von ihr weg wollte. Plus Eis an den Rändern, das dem Kopfi
wehtut, mehr, als jeder Kopf vertragen könnte. Sie soll es nicht. Was soll sie
nicht? Keine Ahnung. Ich habe ihr nicht vorzuschreiben, was sie soll, und deswegen
höre ich auch auf zu schreiben, daß mein Beruf das Schreiben ist. Es ist mein
Hobby, das mein Beruf ist. Sie soll gar nichts, die Frau, Entschuldigung, es
kann doch nur in ein hierarchisches Verhältnis gesetzt werden, was zuvor unterschieden
worden ist, und zwischen Männern und Frauen gibt es doch überhaupt keinen Unterschied
mehr und keine Hierarchie, nein, auch nicht in der Unterschicht, ich meine,
es gibt keinen gewerbsmäßigen Unterschied. Privat gibt es schon einen, aber
im Privaten ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen Privatsache, wie
schon der Name sagt. Okay, ich habe mich geirrt, kein Unterschied, vierzig Jahre
schreibe ich jetzt über den Unterschied, und da ist gar keiner, alles komische,
kosmische Vogelscheuchen–Vergeblichkeit, ich habe das jetzt erst erfahren müssen,
zu spät für mein Lebenswerk, bitte um Entschuldigung dafür, und hat sie mal
einen erwischt, eine Frau einen Beruf, dann braucht sie ihn auch, weil sie das
Jugendamt als Akademikerin damit blenden kann, nachdem sie sich selbst, die
Kinder, den Hund und die Katze und den ganzen Dreck, welchen das alles macht,
eingesperrt hat, auf daß ihr niemand etwas von diesen wunderbaren Dingen wegnehme,
die alle ihr allein gehören. Manchmal sitzt die Juristin auch im verdreckten
Auto und ißt etwas, manchmal dürfen auch die Kinder was essen. Ja, auch den
Müll. Den dürfen wir nicht vergessen. Die Nachbarn können ihn eh keinen Augenblick
vergessen, rufen allerdings an, wenn er sich vorm Haus stapelt und stinkt. Wer
so bedürftig ist, der geht nirgendwo mehr hin, außer ins Irrenhaus, aber wer
noch kann, weil er nicht eingesperrt ist, der geht gleich weiter zur Caritas,
welche der größte private Konzern im deutschsprachigen Raum ist, Scheiße, jetzt
finde ich den Wirtschaftsteil nicht, wo das nachgewiesen wird, ah, Gott sei
Dank, da ist er ja, ich kann es also beweisen, daß Deutschland nicht Österreich
ist, ich weiß auch nicht warum, denn es war einmal so, und war das schlecht?
Nein. Hier stehts: Gegen den gern erweckten Anschein, grad steht er auf, dieser
aufgeweckte Anschein, dem wir leider zu oft glauben, spielen Spenden und Zuwendungen
privater Natur zur Finanzierung der Wohlfahrtspflege eine sehr untergeordnete
Rolle, jawohl, da stehts. Schätzungen zum Spendenaufkommen schwanken in Deutschland
(hier ist es ähnlich, aber, wie üblich, kleiner und überhaupt nicht ähnlich,
nein, seien wir einmal kleinlich!, keine Ähnlichkeit, bloß herrschen hier andre
Umweltbedingungen, deswegen werden Sie ja nie erfahren, wer hier herrscht).
Der Umsatz der Gesamtbranche, wie gesagt in der Deutschen Bundesrepublik, die
noch nicht so lang unschuldig ist wie wir, aber auch schon ein paar Jahrln,
liegt aber bei 55 Milliarden, irgendwer hat das mühevoll ausgerechnet, und es
stimmt, denn es steht in der Zeitung, in einer, der ich vertraue. Über 80 Prozent
der Einnahmen der Caritas stammen aus dem Füllhorn des Sozialstaats, aus dem
sich die professionellen Wohltäter meisterhaft zu bedienen wissen, meisterhafter
als Brigitte je die Geige beherrscht hat bzw. sich beherrscht hat, jetzt bin
ich schon so oft abgeschwiffen, daß ich Brigitte an dieser Stelle, die sie hat,
festhalten muß, sonst fallen die letzten Menschen wie Maschen von mir ab, weil
ich immer dieselbe Masche stricke, aber das sind nicht mehr viele, die noch
da sind, die andren sind längst weg, Brigitte hat sich an ihrer Geige nun wirklich
beherrscht, lange genug, bevor sie sie auf dem Schädel eines Schülers beinahe
zerschmettert hätte. Brigitte K. ist als Geigenlehrerin beschäftigt, so, ich
bin jetzt ganz bei ihr, dafür aber leider nicht ganz bei mir, sie hat vor vielen
Jahren die Staatsprüfung in Graz erfolgreich absolviert, bravo. Sie bringt
eine gewisse Eleganz mit einer Schüssel selbstgemachter mit Kürbis gefüllter
Ravioli auf den Tisch, eine Anmut, nein, eine Anmutung, die nicht viele hier
kennen, daher begegnen die Leute ihr mit Mißtrauen. Da ihr aber längst kaum
noch Leute begegnen, zählt das nicht. Ist es nicht lächerlich, wie die sich
hier in diesem Kaff anzieht? Als ginge sie immer noch über den Hauptplatz von
Bruck a. d. Mur, die stolze Stadt, die Perle der Mur, das Juwel in der Murarmbeuge
– keine Ahnung, ob sich die Mur dort verbeugt, aber ich nehme es an, obwohl
es keinen Grund dafür gibt, ich war noch nie dort, bin immer nur durchgewunken
worden (und hat diese Stadt überhaupt einen Hauptplatz? Brigitte müßte es wissen,
sie stammt von dort, besuchte das örtliche Gymnasium und das örtliche Spital
und die örtliche Tischlerei und die örtliche Musikschule, die sogar regelmäßig),
einst war diese Frau mit dem größten Elektrohändler am Platz verheiratet, kinderlos,
schweres Los, über zehn Jahre lang, bis dieser seine Sekretärin an ihrer Stelle,
nein, aus ihrer Stelle nahm, die Angestellte, die jünger war. Sogar Sie müssen
zugeben, daß ich keinerlei Fanatismus zeige, wozu auch, wir sind doch alles
Frauen, und daher wird alles, was ich sagen könnte, in den Augen der Menschheit
den Charakter von Gesprächen unter Frauen annehmen und einfach nicht zählen.
Ich sage es zum letzten Mal: Als Frauen erkannt und anerkannt, wird sofort ein
uns verbindender Erfahrungshorizont und Bewußtseinshorizont angenommen, aber
das ist falsch. Ich habe mit Ihnen, auch wenn Sie eine Frau sind, nichts gemein,
warum also sind Sie dann so gemein zu mir, Frau R., oder vielleicht Sie, Frau
C.? Das wissen Sie wohl selber nicht, was?! Ich wäre so gern gemein zu Ihnen,
nicht wahr, aber dazu müßte ich ca. 800 km lange Arme haben, leider. Aber zum
Wesentlichen, was es auch ist, bei dem man doch ein bißchen abgeschieden sein
möchte, solange man das Musizieren, das Tuten und Blasen und Leserbriefschreiben
noch nicht richtig kann, was auch für andre Tätigkeiten gilt, wenn die Leute
einmal, wenigstens einmal, versuchen, das Versäumte nachzuholen, in der Öffentlichkeit
etwas zu zählen oder wenigstens ganz für sich allein ein Instrument zu erlernen,
was manche sogar schon mehrmals erfolglos versucht haben, oder wenn sie versuchen,
das Leben zu verlernen bzw. ihre Kinder dazu zu zwingen, falls sie welche haben,
auf die sie das Verlernen abwälzen können, bevor die noch was gelernt haben,
dann, ja dann sehen sie vielleicht ihre Grenzen, ich hoffe wirklich, all die
übrigen Mütter sehen ihre Beschränktheit ein, denn diese Juristin, ebenfalls
eine Mutter, sieht sie derzeit nicht, sie hat ihre Töchter eingehaust, kaputtgemacht,
wenn auch nicht weggeschmissen, und danach erfolgreich allesamt durch samtige
Plüschtiere ersetzt. Was folgt daraus? Daß wir den Menschen ihre Grenzen zeigen
müssen, wenn sie sie nicht selber sehen können, und so ist dort, wo eine hingehört,
folgerichtig bereits eine Randbegrenzung angebracht worden, allerdings für Fahrzeuge,
aber die Menschen darin profitieren auch davon, ich muß fragen, wie man die
nennt, ach ja: Leidplanken (nicht schon wieder, das war schon mal, als ich das
Wort noch von alleine wußte!), also neben dem Straßenbankett dieses schwarzweißgestreifte
Metallgeländer, das niedrige, aber, auch da liegt ein Problem: Kaum sieht ein
Mensch seine Grenzen, will er sie auch schon erweitern, möglichst zum Nachbarn
hin, den das immer stört, vor allem, wenn dabei Müll im Spiel ist, und diese
Straße will zum Abgrund, das seh ich schon, sie will das Auto zum Abgrund hin
lenken, aber man erlaubt es ihr nicht, deswegen hat man ja dieses kleine Geländer,
diese Seitenbegrenzung, die Leitplanke angebracht, damit man sich zumindest
den Gips am Bein erspart, wenn nicht mehr, und was man sich da erspart, das
kann man dann für das neue Auto ausgeben, keine Ahnung, warum alle immer dorthin
wollen, zu jener Seite, wo einem Fremden, der ja ebenfalls immer angeleitet
werden muß (doch hier wird er begrenzt, nicht geleitet!), etwas gehört, das
man selber haben möchte. Ich verstehe diese Mutter. Immerhin wußte sie: dieses
Kind gehört mir, dieses auch und dieses auch. Bis drei konnte sie zählen. Dafür
hat mancher eben was andres, aber Sie glauben mir nicht, das sehe ich schon.
Sie glauben mir vielleicht doch, weil auch Sie dasselbe wie ich in der Zeitung
gelesen oder im Fernsehn gesehen haben. Aber jetzt zu Ihnen, was von Ihnen erwünscht
und angestrebt ist: Sie sind der Meinung, daß Sie, was immer Sie haben, zuwenig
davon haben, außer Krebs und/oder Arthritis, ja, können Sie auch haben, aber
dann kann es plötzlich gar nicht wenig genug sein. Die Sekretärin, ich meine
die zweite, viel jüngere Frau des Elektroladenbesitzers, war ursprünglich,
aber nur ein Jahr, mit einem der Installateure der Firma verheiratet, ist aber
so schnell geschieden worden, wie der Geschäftseigentümer schauen und sie begehren
konnte, nein, noch schneller, so rasch war sie frei für ihn, kaum gebunden,
schon von einem andern gefunden, und so viele Jobs für Elektriker gibts nicht
einmal in Bruck, der verhältnismäßig großen und bedeutenden Stadt, nein, ist
sie nicht. Keine andre würde ein Verhältnis mit ihr haben wollen. Sämtliche
Beteiligte ließen sich demnach ruck, zuck (eine zuckt noch heute, was für ein
langer Todeskampf, der dauert Seiten und Seiten und verbraucht eine Menge Saiten!
Verzeihung!) scheiden und stiegen auf oder ab, je nachdem, von welcher hohen
Warte aus man es sieht, jedenfalls um sich neu verbinden zu können, aber auch
die neuen Verbände sind schon wieder blutdurchtränkt, und Brigitte ist seither
immer allein geblieben, einsam, nicht zweisam, wenn auch nicht freiwillig, ein
flüchtiges, verzerrtes Spiegelbild in einer Scheibe, das nicht zu Vertraulichkeiten
einlädt, eine solche persönliche Verarmung kann haarsträubend sein. Alles, was
sie tut und spricht, zeugt von großer Einsamkeit, muß ich leider sagen, lieber
sagte ich etwas andres, und dabei ist sie zweimal die Woche aktiv bei ihren
Kammermusikabenden, zusätzlich zum Unterricht. Was könnte man sich nicht alles
einverleiben, den andren Leib, ja, sogar Jesu Leib, im handlichen Kleinformat,
das man keineswegs nur lesen kann (für die Ausländer unter uns: Ich spiele hier
auf die Kronenzeitung an, was kann ich dafür, so wird sie hier seit Jahrzehnten
schon genannt), jeden Leib, den andren Besitz, und notfalls unter Denkmalschutz
stellen! Ja, schauen Sie nur kräftig und fleißig um sich und gehen Sie dann
aus sich heraus, wenn Sie sicher sind, wen oder was Sie wollen und wozu Sie
sich veranlaßt sehen!, Sie werden merken, jeder hat mehr als Sie, zumindest
jeder, den Sie sehen können!, ja Sie, jeder von Ihnen, aber viele sind Sie trotzdem
nicht, wird etwas finden, was er haben möchte, was aber schon ein andrer hat,
denn ohne Zwang denken die Menschen nun einmal nicht nach, ich glaube, das sagte
ich auch schon oft, und zwar immer dann, wenn ich mich selbst persönlich hervorstreichen
wollte, leider ohne zu denken, geistig barfuß, und ohne daß dabei je ein Ton
hervorgekommen wäre, wenn man nicht eigens auf einen Glasscherben tritt, sie
denken nicht nach, die Menschen, und es stößt mir schmerzlich auf, daß ich selber
am wenigsten denken kann, glauben Sie mir, das ist mein Problem, ich wüßte auch
nicht, an wen denken, woran oder worüber nachdenken, und dabei würde ich so
gern Auskunft geben, über irgendwas. Und meist zwingen sie sich, nein, sie müssen
sich nicht einmal zwingen, die Menschen, es bietet sich ihnen an, daß ein andrer
etwas hat, das man selber so viel besser brauchen könnte. Der andre kann mit
dem nichts anfangen, was er hat, also fangen wir uns mit ihm auch nichts an.
Denn wenn er etwas hätte, das wir brauchen könnten, dann wüßte er, das können
Sie mir glauben, was er hat, und gewiß nie an uns. Daher sucht er uns nicht,
er macht uns keine Avancen, die macht er immer jeweils anderen. Doch wenn wir
wollten, könnten wir mehr mit dem anfangen, was andre haben! Wenn wir könnten,
fingen wir uns sogar mit dem Nachbarn, dem lieben Nächsten, was an, vorausgesetzt,
er entspräche uns überhaupt, wir wissen es nicht, wir haben, außer grüß Gott
und auf Wiedersehn, noch nie mit ihm gesprochen. Tatsache ist aber, daß diese
Frau, Brigitte K., wie gesagt und noch mehrmals, wenn Sie Glück haben, oft,
wenn Sie Pech haben, gesagt werden wird, eine gewisse modische Eleganz aufzubieten
hat, was für eine Geigenlehrerin irgendwie, wie soll ich sagen: irgendwo angebracht
ist, obwohl die Kleider nicht fix an ihr angebracht sind, man will ja Abwechslung,
nicht wahr, das ist eine Frau, die eine Haltung braucht, und zwar eine gute,
und hätte sie keine, müßte sie sich rasch was einfallen lassen, damit sie nicht
umfällt, das lange Stehen (bequeme Schuhe, in diesem Fall elegante Sneakers,
die jünger sind als man selbst und auch zu Jüngeren gehören wollen, denn Jugend
gehört zu Jugend!), das stammelnde Begleiten der Schüler, die auf ihrem musikalischen
Weg ihrerseits unwillig und schwer beladen dahinstolpern, denn wer lernt hier
an diesem Totenort der Industrie, auf diesem Industriefriedhof, wo kaum einer
sich in finanziell abgesicherter Position befindet, schon Geige, sogar in Bruck
a. d. Mur haben mehr Menschen Geige, Gitarre oder dieses Nordisch–Gehen, von
dem bereits die Rede war, gelernt (dabei haben sie sich aber nicht einmal den
Stockeinsatz geleistet!), als ich an den Fingern beider Hände abzählen kann,
die meisten bei Frau Brigitte, der beliebten Musikpädagogin, der ihr Mann das
Unterrichten in einem ihm fremden Fach, in das er nie hineingegriffen hat, ausdrücklich
gestattet hat, obwohl viel im Geschäft zu tun gewesen wäre, was die Sekretärin
dann schließlich ja auch getan hat, ihr ausdrücklich gestattet hat, jawohl,
das war der neue Mann, und er hat erlaubt, daß seine Frau sich persönlich so
ausdrücken darf, wie keine andre Person es könnte, denn der Mensch ist einmalig
und unverwechselbar, egal welcher, keine Ahnung wer, also dieser nicht, den
ich grad sehe, der hat genau dieselbe Windjacke an, die ich schon an fünfundzwanzig
anderen allein in den letzten fünf Minuten gesehen habe, du bist nicht allein
mit dieser Jacke, das liegt daran, daß das einzige Kaufhaus am Ort einen Ausverkauf
gemacht hat, ach, wie gern würde ich z. B. mit Angelina Jolie tauschen, aber
ohne die Kinder (künftige Generationen bitte einen Namen nach freier Wahl einsetzen,
aber ich werde dann ja weg sein, künftige Generationen werden dies nicht zur
Kenntnis nehmen, nicht einmal diese tut es, und sie sollen es auch nicht, die
Künftigen, es ist für den raschen Verzehr, aber es ist total ungenießbar, das
werden Sie bereits gemerkt haben, oder sagen wir besser: zum alsbaldigen Verfall,
am besten wäre es, die Zeilen lösten sich unter meinen Fingern auf, wie Tricktinte,
aber falls ich wider Erwarten doch durch die Maschen der Zeit rutschen sollte,
durch welche schöne Frau könnte man dann mich, die es nicht mehr geben wird,
in der Hinkünftigkeit, wenn ich hin sein werde, ersetzen?, das würde mich jetzt
aber auch echt interessieren), es geht aber nicht, denn ich sehe mich nicht
in der Lage dazu, mich mit ihr auszutauschen, sie würde mir nicht zuhören, und
ich habe ja nicht einmal die Grundvoraussetzung dafür, eine andre zu sein, ich
weiß ja nicht einmal, wer ich jetzt bin. Überhaupt: Wer ist schon schön? Niemand
ist noch nicht schön. Entweder man ist es oder nicht. Brigitte nicht, wen kümmerts,
nicht einmal sie selbst, die immerhin etwas aus sich machen kann, wenn auch
nicht unbedingt mehr, sie macht, was der Hamster im Laufrad macht, sie rennt,
aber sie bleibt immer am Ort. Also, gestatten: J., das ist mir jetzt zu persönlich,
und so spiele ich die Ablehnende, aber nicht gut. Gestattet wurde Brigitte
K. vom Ehemann ausdrücklich das Unterrichten der Geige, wovon er bei der Scheidung
aber nichts mehr wissen wollte und womit man nicht einmal automatisch zu den
wohlunterrichteten Kreisen gehört, aber Brigittes Unterricht war didaktisch
gar nicht mal so schlecht, sie hat dazu neueste Erkenntnisse aus einem neuesten
Buch verwendet, das sie sich eigens gekauft hat, nach einem Jahr sollte der
Schüler, die Schülerin bereits Bach–Solosonaten spielen können, wer kontrolliert
das schon nach?, wer erträgt das schon lang genug, um es überhaupt kontrollieren
zu können? So manch stolzer Elternteil hält das gut aus. Doch es gibt keine
Kontrolle der Kontrolle, es gibt nur Gott, also ich glaube nicht, daß es ihn
gibt, er hätte das Vergnügen der Mächtigen, aller Mächtigen, des Allmächtigen,
Gott, der zumindest versucht, uns zu kontrollieren und alles zu untersagen,
was Spaß macht, ich sage weiter unten, was das ist, es gibt keinen Bezirksmusikschulinspektor,
oder doch? Hier nicht, die Musikschule ist zwar offiziell, doch wurde sie vergessen
und aufgegeben, wie so vieles hier, sie fristet, wie man so sagt, ein kärgliches
Dasein. Dabei wäre grade an einem solchen verlorenen Ort Musik so wichtig!
Glauben Sie mir! Denn wenn Menschen gemeinsam etwas machen, und damit meine
ich nicht, einfach mit einem Hammer auf was draufhauen, wenn sie aufeinander
hören oder einander kommen hören, und damit meine ich nicht, daß die Regierung
aus lauter Arschlöchern besteht, die auch noch laut sind und uns stören, wenn
sie auf den anderen, wie in der Musik, und nur in dieser, auch emotional eingehen
müssen, bis der selber eingeht, nein, vergessen Sie das, ich meine es todernst,
wenn sie das müssen, dann schützt sie das davor, den anderen bei nächster Gelegenheit
auf den Kopf zu hauen, allerdings leider nicht davor, selber auf den Kopf gehauen
zu werden. Muß ich auch nachschauen, ich meine, ich muß nachschauen, wie, wo
und warum ich diesen Satz begonnen habe, das möchte ich jetzt selber gern wissen!
(Man darf nur nicht vergessen, sich vor dem rauschenden Bach, den einfach jeder
gernhaben muß, Wachspfropfen in die Ohren zu stopfen, sonst hat man die Hosen
so voll, daß man sogar beim Musikunterricht, dem Schönsten, was es gibt, mit
einem universellen Generalschlüssel jederzeit erreichbar, ganz schnell raus
muß. Aber auch dort, wo immer man ist: Die Musik ist schon da, man kann sie
sich heute jederzeit herunterladen, wer sollte es einem verwehren?). Na, wer
sagts denn, da kommen noch ein paar Ladungen, na, wer kommt denn da jetzt noch,
läßt man sich dort ruhig nieder, wo man singt? Wieso singt dann hier keiner
hollario? Tun sie doch, haben Sie es denn nicht gestern im TV gesehn und vorgestern
auch und am Tag davor? Es sollen doch die Fremden endlich kommen, damit wir
ihnen etwas zu bieten haben. Musik kann auch sehr böse machen, denken Sie an
Horst Wessel, der weiterlebt in seinem Lied, aber böse wollen wir nicht werden,
obwohl die Menge in dieser Stadt so stark reduziert ist, allerdings nicht durch
Musik, die weniger Einsame am Computer und mehr Gemeinsame mit Brigitte K. bedeutet,
also dann lieber den Computer, denn was ich persönlich um keinen Preis in diesem
Leben noch einmal erfahren möchte (im früheren habe ich es zu oft erfahren müssen),
ist, wie schön es ist, sich nicht einfach nur eine CD reinzuziehen, sondern
selber Musik ziehen zu lassen, fort, nur fort, fort von mir, weg mit Gestank!,
wie schön, wenn die Mutter ein Wiegenlied singen kann, ja, das finde ich auch
schön, und dazu ein wenig mit dem Säugling tanzt, doch ich schweife ab, es wird
noch vier Jahre dauern, bis das Kind in die musikalische Früherziehungsanstalt
kommt (Brigitte hat so einen Kurs eingerichtet, für Vorschulkinder, damit die
schon eine musikalische Grundschulung erhalten, aber bereits vor der Grundschule
sind alle ihre Schüler weggeblieben, obwohl es gratis war), in der Gruppe hat
man ein Gefühl, und das nennt man Musikausübung, und Menschen, die daran teilgenommen
und über ihre Teilnahme keine Bestätigung vom AMS erhalten haben, denn diese
Teilnahme zählt für gar nichts, diese Menschen, die teilnehmend der Musik lauschten
und sie auch auszuprobieren versuchten, äh, nein, das ist doppelt, wurscht,
also solche Menschen werden sich scheuen, so ein Gemeinschaftserlebnis in sein
Gegenteil zu verkehren und die Musik von hinten nach vorn zu hören, die Gemeinschaft
von hinten nach vorn aufzurollen, was ist da gemeint?, sie werden sich vor allem
scheuen, die jungen Musiker, weil sie sich ja scheuen müssen, sich selber zuzuhören,
sonst würden sie vor sich selber wegrennen, doch was zählt ist, daß man etwas
tut, etwas Ganzheitlicheres als eine halbe Sache (Musik hören, und zwar nicht
die eigene); vor dem Computer zu sitzen, lähmt den Menschen, deswegen steht
er von dort nicht mehr auf, aber halt, es lähmt ihn nur in seiner Kreativität,
und auf die pfeife ich, kreativ, wirklich kreativ war nur der Schöpfer selbst,
Jesus, so etwas Entsetzliches wie wir würde der Musik, ich meine einem Komponisten
nie einfallen, mein Gott, ja, du, mir fällt grade ein: Womöglich hast du Bruck
an der Mur gar kleiner erschaffen als die Erzstadt, ich muß auch das umgehend
nachprüfen, nein, doch nicht, mir ist das genauso egal wie mein eigenes Glück,
doch erst mal macht es Spaß, das einfach hinzuschreiben, man kann alles hinschreiben,
Du Tarzan, ich Gott, ich benütze diesen teuren Namen, der der billigste überhaupt
ist, wie er in diesem Buch, das zum Glück keins ist, beschrieben ist, ich beschreibe
Gott mit mir, könnte aber jeden andren auch nehmen und so benennen, Bruck und
Kapfenberg, äh, also die andre Stadt halt, mit der ich Vergleiche anstelle,
die Erzstadt, aber beide Städte sind so klein, daß man sie genausogut per pedes
mühelos umgehen könnte, zu Fuß, aber wer macht das schon, wir bauen Brücken
von Mensch zu Mensch, nur damit wir sie wieder einreißen können, von Ufer zu
Ufer, damit das Wasser sie einreißen kann, aber zu Fuß gehen tun wir nicht,
nicht einmal über unsere eigenen Brücken, die ohnedies nicht sehr haltbar sind.
Nicht einmal Menschen mit Erzieherberufen, wie Brigitte, machen das, sie erziehen
die Leute lieber zum Besseren und nicht zur Sinnlosigkeit des in den Tod Wanderns,
was von alleine kommt und allein auch geht. Das ist ein Problem, über das wir
im Verband einmal bis aufs Blut nachdenken sollten, wir sollten nachdenken,
welche Kultur wir wollen, eine, die nur zuhören kann (wäre nicht schlecht, wenn
Sie mich fragen), oder eine, wo man selber etwas produziert (schlecht, wenn
Sie mich was andres fragen), eine Gruppe, die herstellt, nein, nicht Sensen
oder Messer oder Sicheln, das hat man früher gemacht, nein, etwas Immaterielles
herstellt, wollen wir ein Kind, das brav in die Geigenstunde zu Frau Lehrerin
K. geht, oder wollen wir Musikziergruppen, in denen jeder mal mitklatschen darf,
und wir freuen uns daran, und wir machen das massenhaft im Musikantenstadl,
den es immer noch gibt, obwohl ich jetzt jahrzehntelang gegen ihn angebrandet
bin, mit Schaum vorm Mund, der nach Parfüm geduftet hat, wie in der Badewanne,
mehr war da nicht, wollen wir einen Fortschritt im musikalischen Prozeß, oder
wollen wir nur hirnlos miteinander, aufeinander einklatschen, als wären wir
Kanaken? Man glaubt nicht an uns, man liebt uns nicht. Wir wollen nichts dergleichen,
wir wollen beides miteinander verbinden, die Disziplin der Geigenstunde mit
der Lockerheit des Mitklatschens, das Spaß macht, alles ist sinnvoll, was einen
Sinn hat, und der Geigenschüler, der die Kreutzersonate spielt oder die Frühlingssonate
(was er nie können wird, keine Sorge, deshalb wählte ich ja dieses Beispiel,
denn es ist so folgenlos wie Ihr ganzes Leben!), lernt ja mehr, als dieses Stück
zu spielen, das er, wie gesagt, eh nicht erlernen wird. Aber man muß ja nicht
zu hoch greifen, es genügt, sich an die eigene Nase zu fassen, und so wie die
Toselli–Serenade heute geklungen hat, ist auch entsetzlich. Die Kreutzer–Sonate
könnte, hätte er sich mehr Mühe gegeben und sie erlernt (total unmöglich!),
sein Verhalten prägen und seinen Geist schulen können, und ich persönlich finde,
nein, ich sehe, jemand andrer findet das auch, sonst wüßte ich ja nicht, was
ich persönlich gefunden habe, daß Musikschulen mehr die geistige Dimension der
Musik ins Bewußtsein rücken sollten, daß sie den Kindern beibringen sollten,
daß es nicht darum geht, ein Stück perfekt zu spielen, sondern auch darum, Musik
zu verstehen. Ich verstehe nur Bahnhof, aber ich fahre nie weg, leider, ich
kenne nur zwei Bahnhöfe oder drei. Und so ist es auch mit dem Geigenspiel, man
versteht nicht, wie man das Dings halten soll, damit es ertönt, und man kommt
auch nicht dorthin, wo man hin möchte. Der Löffel wird abgegeben, der Stuhl
wird gradegerückt, der Herd ist ausgeschaltet und aus. Von irgendwas muß ja
die Rede sein, und ich wähle nun dies, gehe aber nicht hin. Bruck ist halt einfach
großstädtischer, glaube ich, doch ich weiß es nicht. Aber Brigitte hat auch
hier, wo sie inzwischen notgelandet ist, in der ehemaligen Erzstadt, ein paar
ganz ordentliche Stück junge Menschen zusammenscharren können, wie Blätter,
die keiner aufhebt, weil sie so alltäglich sind, daß man sie nicht einmal in
ein Buch pressen mag, und im Grunde ist alles alltäglich, mit Ausnahme dessen,
was die Menschen im TV so treiben, deshalb wurde das Fernsehn ja eigens erfunden;
Brigitte hat nette junge Leute als Schülerinnen und Schüler, die schon ganz
ordentlich ihre Stückln spielen, am Klavier kann man wenigstens sitzen und sich
nach vorn sinken lassen, wenn man es nicht mehr aushält, das Kreuz wehtut und
kein verantwortlicher Agent in der Nähe ist, der einen engagieren könnte, denn
keiner käme ausgerechnet hierher, auch er kann sich nämlich ausrechnen oder
nachlesen, daß es hier kaum noch Menschen gibt (wenn Sie hier wohnen, müssen
Sie sich schon bequemen, woandershin zu fahren, was natürlich wieder unbequem
ist), auch wenn wir die Eltern der Schüler mit ins Boot holen, damit sie kräftig
rudern und Pionierarbeit leisten und ihre Kinder ebenfalls in die Musikschule
zu Brigitte K. oder einer Kollegin, einer Klavier– oder Cellokollegin (bei der
lernt Brigitte selbst privat, da haben Sie gleich Qualitätskontrolle!) schicken.
Frauen, nichts als Frauen sie alle, also nichts und niemand. Keine. An jeder
Ecke ein Pensionist steht in der Stadt, an keiner Ecke ein junger Mensch, nirgends
eine Frau, außer sie wäre schon alt und müßte einkaufen gehen. Ja, die Jugend
fehlt. Und wenn sie fehlt, wird sie nicht ausgerechnet Geige lernen. Wenn man
woanders hinkommt: Da ist überall alles, auch Jugend, aber hier fehlt sie uns.
Überall stiftet sie Schaden, aber bei uns fehlt sie. Die Musik stiftet überall
Nutzen, doch bei uns: Schaden ohne Schadensbegrenzung, ohne Schadensleitplanke.
Es kommt, wie beim Geigen, zuerst mal auf die Haltung an, die schwierig ist,
und noch schwieriger, wenn man über den See blickt, an dem man sich so viele
Freiheiten herausnehmen könnte, wäre jetzt nicht Winter, nein, Herbst im Winter,
beim Geigen muß man sich leider aufrecht halten, auch wenn man fast einschläft,
es ist die aufrechte Haltung einfach die freiere, wieso Haltung und wieso einfach?
Einfach ist es nicht, das Geigen, es ist sogar sehr schwierig, das mußte ich
nicht erraten, das weiß ich aus Erfahrung, probieren Sie es nur in Ruhe, bitte
noch nicht in Bewegung, erst mal aus, Ihre stählerne Industrieseele aus einer
Zeit, da es hier Industrie noch gab, wird daran zerbrechen, denn sie ist für
die Kunst nun einmal nicht geschaffen, trösten Sie sich, das ist kaum eine Seele,
auch wenn sie sich noch so sehr sehnt, vom Simplen zum Komplizierten überzuwechseln!
Diese Frau hat eine, nein, sie hat keine, nein, doch!, sie ist eine Erscheinung
gewissermaßen, die Lokalpolitiker von den Lokalen her kennt, die ihnen ihren
Namen gegeben haben, aber auch von kleinen Empfängen und Zusammenkünften, die
im Gemeindeamt oder in der Volksschule stattfinden, und auch mit ihnen nett
plaudert (mit uns reden die ja nicht!), als wären die Politiker sie und ihresgleichen.
Dabei sind sie ohnegleichen, und nur die Gleichenfeier ist wichtig, da kommen
dann alle, weil was los ist, wenn Menschen gleich und gut drauf sind, aber hallo,
da geht die Post ab und der Bär steppt und die Glöckchen – klingelingeling –
weigern sich, vor dem Altar zu bimmeln, weil die Hand des Ministranten vielleicht
grad dermaßen erzittert, daß er das Erz kaum halten kann. Das ist ein so unerhörtes
Ereignis, das alle gleich sind (naturgemäß, denn alle andren, die Ungleichen,
sind längst weg von hier), daß noch nie davon gehört worden ist. Ich komme,
wie die Geigenschülerin, die ich einst war, nicht voran, ich trete hier kilometerweise
Wasser in meiner homepage, ich wandere durch das Wasser, denn oben drauf wäre
es mir zu anstrengend (alles hier meins, da können Sie sich auf den Kopf stellen,
was Sie nicht tun werden, Sie werden nur einen Fingerabdruck abgeben, das Ix,
das Kreuzerl dort oben rechts erwischen, und schon bin ich weg, ich bin weg,
verschwunden, und mit mir mein Textkörper, durch den ich leben muß und er durch
mich, ich Arme, ich muß ja gar nicht, Sie erhalten mich dort, aber ich will
nicht, es passiert nichts, es passiert auch mir nichts, und jetzt haben Sie
mich ganz entfernt, wunderbar, genau das hab ich mir mein Leben lang gewünscht,
und Sie ermöglichen es mir, endlich weg zu sein, ich danke Ihnen! Ein Buch hätten
Sie zahlen müssen und eigens in den Papiermüll schmeißen, hier können Sie mich
total rückstandslos entfernen, aaah! Ich fühle mich wie neugeboren, weil Sie
mich ausgelöscht haben, wie 29 Stück von meinen Verwandten anno dazumals ausradiert
worden sind, oder waren es 49?, oje, das hätte ich jetzt nicht sagen dürfen,
es ist wie nicht gesagt, ich bin doch kein Opfer!, so, es ist jetzt wie nicht
gesagt. Aber Sie verblenden, ich meine verschwenden mich und meine Toten hier
sowieso hinter Ihren strahlend weißen aufgehellten Zahnkränzen, bitte fressen
Sie mich nicht! Ich weiß von Ihren Zähnen: auch die tun bloß ihre Arbeit und
sehen noch dazu im TV, wo Sie aber nicht sind, schön aus, ja, und doch ist das
alles vergeudet, alles, obwohl ich Arbeit darin investiert habe, und zwar Arbeit
z.B. heute, am Sonntag, dem 10.12.06, prima, das hat mir der Rechner sogar klein
oben draufgeschrieben, als ich Sonntag schrieb, danke, der gibt mir was, Sie
geben mir nichts, Sie nehmen mich weg, noch besser, Arbeit von sieben bis acht
Uhr früh bis jetzt, bittesehr, nichts zu danken, die Arbeit ist aufgebraucht,
meine Arbeit ist aufgezehrt, und das nie von dem, der sie schuf, immer von andren),
ich glaub, vor der Klammer war folgendes, schauen wir mal, was kam als letztes?
Hier stehts: kilometerweise homepage auf der Stelle, wo nicht einmal Wasser
ist, in dem ich herumgehen könnte. Ich sagte, daß ich nicht auf dem Wasser schreiten
könne. Sogar das haben Sie sicher bereits zuvor gewußt. Doch dazwischen – auf
das Dazwischen kommt es manchmal mehr an, damit etwas beim Leser ankommt –
habe ich alles erklärt, was zu klären war, in meiner privaten Kläranlage. Wer
wollte es mir verklären, ich meine verwehren? Niemand kann mir hier irgendwas
verbieten, niemand! Ha! Ha–Halt, da gehen gerade im Rahmen des geplanten neuen
Hotelbetriebs, der etwas schief hängt, noch bevor der Haussegen eingezogen ist,
soeben wieder, ich kann nichts dafür und nichts dagegen, ein paar Arbeitssuchende
aus der Region vorüber, vorbei, denn sie sollen im Extrazimmer des größten Wirten
am Ort von qualifiziertem Schulungspersonal in den touristischen Berufen aus–
und weitergebildet werden, bis es weiter nicht mehr geht und sie über den Rand
der Natur hinausschießen, ohne Jagdrevierbesitzer samt düsterem Schloß mit angeschlossener
Hobby–Viehzucht zu sein, wer kümmert sich jetzt eigentlich um die? Pächter?
Ja, Pächter, nein, eher Angestellte, nicht Angstgestellte, Angestellte, wovor
jetzt noch Angst haben? Kommt schon noch! Der Jagdbesitzer ist neuerdings tot,
aber das Vieh wird immer noch von Flaschen gezogen, nein, im Ernst, das ist
Bio–Rind der obersten Preisklasse! Klasse! Das Vieh wird dann sogar vermarktet,
es ist Bio–Rind der besten Qualitätsstufe, das geht Ihnen glatt zum Plachutta
in Wien–Hietzing rein und bei Ihrem andern Ende wieder raus. Hier ein altes
Foto, mit einem andren Tier, das leider noch nicht Bio war, naja, vielleicht
doch, eins aus einer andren Zeit, auf dem eine nette Kuh mit ihren Mördern posiert,
alle schauen sie in die Kamera, der Gehilfe hält sich am rechten Horn der Kuh
fest, nein, er scheint eine Art Besitzanspruch auf sie zu demonstrieren mit
dieser zum Horn greifenden Geste, als wollte er seine eigene Seele damit hinaustrompeten
in den nach Blut stinkenden Hof, Hauptfleischer (der Meister selbst, nicht
identisch mit unserem Schöpfer!) und sein Gehilfe haben schon eine Art Werkzeug
in Händen (eine Spitzhacke, die durchs Fleisch fahren und dort ordentlich herumschauen
wird, aussortieren, was wohin kommt), das scharf–spitze Werkzeug ist es, das
die Kuh kapores machen wird, und die Kuh schaut neben ihren Henkern freundlich,
aber mit der Ergebenheit, nein, der Ergiebigkeit von zur Verwertung bestimmten
Tieren ins Objektiv, das nur kurz einen Lidschlag zusammengezuckt ist und das
Bild dann endgültig in die Welt hinaus freigegeben hat. Trink, oh Auge! Die
Knie der Kuh sind noch schmutzig vom letzten Hinknien und Hinlegen vor dem endgültigen.
Was sage ich hier? So, das lese ich jetzt nicht noch einmal durch, das geht
mir zu nahe. Es sind so viele Menschen gestorben, und seit 1914 ist ihr Tod
überhaupt Programm, er kann so schnell hergestellt werden wie nicht einmal das
Eisen, das ja erst mal geschmiedet werden muß, bis man es biegen kann, aber
seit damals sind Myriaden, Schwärme von Maden, ich meine Menschen eingefallen,
abgebrannt und ausradiert worden, seither können wir das, warum also einer armen
einsamen Kuh nachweinen, die soeben am Gras noch ihre Freude hatte? Der Mensch
ist Gras und hat nur wenig Freuden, solange er lebt. Aber im Tod, oho, da geht
es erst richtig los, die Post und den Bären hatte ich schon, da laicht mein
Lachs, da pfeift mein Schwein, wenn Sie einmal tot sind, da sind Sie unter so
vielen Menschen, da ist dauernd Partytime, nicht so viel Party wie für all die
Maturantinnen und Maturanten, die ich zum Glück nicht kenne, ich weiß genau,
warum ich hier beide Geschlechter verwende, obwohl ich nicht einmal eins für
mich allein habe, aber nicht so viel wie diese riesigen Menschenmengen an jungem
Fleisch kotzen, ficken, rattata abtanzen, noch mehr abficken, abpinkeln, abscheißen
und wieder von vorn, soviele Menschen, jung und knackig, kann ich mir an einem
einzigen Ort, außer dem Abort, wo ich wirklich und erwünschtermaßen allein bin,
überhaupt nicht vorstellen, hier ist mein Ernst! Grüß Gott, Ernst, ich verdiene
hier nichts daran, und Sie verdienen etwas Besseres, aber Sie wissen es nicht,
und Sie und ich, wir bekommen, was immer wir verdienen, bei mir ist es nicht
grade wenig: den Tod, und dann wird es endlich echt lustig, dann ist endlich
mal was geboten, man muß sich nicht an die Geige, den Schmelzofen, den Baum
bei der Heimfahrt von der Disco stellen. Man kommt dorthin, keine Ahnung wohin,
aber es wird spannend, das kann ich Ihnen versichern, denn die Zukunft bricht
auf, und Sie sind nicht dabei, Sie sind nicht allein, aber Sie sind nicht dabei!,
nicht mal als Zuschauer, aber wer weiß, vielleicht doch, das ist ja eben das
Spannende, niemand kann es wissen. Aber es ist der Leerstand hier, wo die Menschen
ja noch leben könnten, ich hätte nichts dagegen, hier also ist der Leerstand
unübersehbar, es mangelt nicht an Häusern, aber an Einkaufsmöglichkeiten, weil
es an Menschen mangelt, nicht weil es an gebrechlichen Menschen mangelte, sondern
weil es an Menschen gebricht, die noch nicht gebrochen worden sind. Wo Einkaufsmöglichkeiten
mindestens zehnmal geboten sind, aber hier gibt es nur drei Geschäfte, dort
flanieren, auch wenn sie es sich nicht leisten können hineinzugehen, die Menschen,
sie lernen einander kennen, verabscheuen, töten oder mit Bierflaschen wenigstens
aufeinander einprügeln. Sie lassen Begegnungen stattfinden, in unterschiedlichen
Brutalitätsgraden, aber immerhin; zu größeren Einkäufen müssen sie in die nähere
Umgebung ausweichen, wer weiß, vielleicht sogar in den Elektroladen von Brigittes
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