Neid
Privatroman
Es ist nichts gesagt, und es ist nichts zu
sagen. Die Tür wird aufgesperrt, der Schlüssel wird auf das Tischerl mit dem
Telefon gelegt, dort liegt ein selbstgehäkeltes Deckerl, und dort wird der
Schlüssel jetzt hingelegt. Eine Zeitlang ist Brigitte zwischen Gehen und
Bleiben, ähnlich vielen Jugendlichen, denen die Anpassung an die örtlichen
Gewohnheiten und Gelegenheiten zwar verschiedene Vorteile, aber auch
verschiedene Nachteile bringt. Jeder Mensch, der eine höhere Bestimmung hat,
handelt so, denn er ist nirgends zufrieden und mit nichts. Sie fahren immer,
wer auch immer. Am Land müssen Jugendliche einfach immer fahren, die Mobilität
ist eine zentrale Voraussetzung. Insofern ähnelt Brigitte der Jugend noch weniger
als andre Menschen, da sie nicht mobil ist, obwohl sie ein kleines Auto hat.
Sie ist immobil, aber sie hat eine eigene Immobilie, haha, die ihr gehört. Ihr
geschiedener Mann ist zum Teil, aber nur weil er wenigstens ein wenig teilen
mußte, dafür aufgekommen, als er die Sekretärin zur neuen Frau ernannte, nahm
und nicht wieder hergab, vor allem nicht, als sie recht bald schwanger wurde.
Jetzt ist Brigittes Exmann der Vater eines kleinen Kindes geworden, die Welt
ist so seltsam, ich verstehe sie nicht, aber von mir aus, sie kann ruhig
eintreten, ich erwarte sie am Rand dieser Klippe, die für meine eigene
Befreiung zuständig sein wird und dafür auch vorgesehen ist. Brigitte räumt
ihre Tasche aus, wie es ihre Gewohnheit ist. Da sind ein paar Sachen, die in
den Kühlschrank kommen, stellen Sie sich vor, ich sehe das meiste davon, hier,
die Paradeiser sind hinter Plastik, damit man sie sieht, die Himbeeren, die wir
uns heute geleistet haben, auch, aber unten, am Boden der trüben Tasse, den man
nicht betrachten kann, weil oben ein Deckel drauf ist, sonst würden gierige
Frauenfinger sogar das Obst noch austauschen, zieht still der Schimmel über sie
hinweg, immer dort, wo man ihn nicht sieht. Das ist seine Gewohnheit. Wenn ich
mir vorstelle, was alles geschieht, und immer dort, wo man es nicht sieht! Nach
mir kann ich nicht gehen, mit mir will ich schon gar nicht gehen, aber alles,
was geschieht, geschieht leider dort, wo
ich es von meinem Liegestuhl aus, den ich nur selten verlasse, nicht sehen
kann. Warum also nicht die Gespenster herbeirufen? Die haben es schon hinter
sich und erleben gleichwohl recht viel. Sie stellen sich nicht unbedingt auf
ein Podium, aber sie gelangen in jedes Heim, ob mit oder ohne Musikanlagen.
Gibt es keine Musikanlage, dann haben die Menschen eben andre, gute wie
schlechte, Anlagen, sonst wären sie doch ganz allein. Es ist vielleicht besser,
wenn überhaupt alles, was man sehen kann, auch sichtbar ist, Obst wie Menschen
gleichermaßen (und diese drei Mädchen, welche ihre Mutter in Linz–Urfahr
verkommen ließ unter Dreck, Exkrementen, Hundi, Katzi – die beiden letzteren
extreme Exkrementenverursacher – und Plüschtieren, konnte man nicht sehen, und
schauen Sie, was dabei herausgekommen ist! Die drei Mädchen sind nach sieben
Jahren wieder herausgekommen, jedoch leider teilweise kaputt, dabei wird diese
Bauserie gar nicht mehr hergestellt, es gibt keine Ersatzteile mehr!), und
junge Menschen sind immer und überall sichtbarer als alte. Und Tote sind
sichtbarer als Lebendige. Glauben Sie, in dem Alter nimmt noch jemand Brigitte,
und meins (mein Alter) ist sogar noch höher. Nein, ich glaube nicht. Denn sie
achtet auch die Erwerbungen von Wissen in Kunst und Wissenschaft, hat
populärwissenschaftliche Zeitschriften abonniert, und wer so etwas erwirbt, muß
sich selbst ganz dafür ausgeben, sodaß keine Zeit mehr für andre Menschen
bleibt und umgekehrt keiner mehr ein Interesse an diesem Menschen Brigitte hat.
Vielleicht könnte sie dieses Interesse ja doch noch erwecken, denke ich mir,
doch junge Männer, die inzwischen etwas
zu entscheiden haben, denn sie kennen sich in der Popmusik aus, begründen ihre
Entscheidungen immer stärker ökonomisch, als wollten sie mit einem Menschen und
der Partnerschaft mit ihm einen landwirtschaftlichen Betrieb übernehmen oder
gar ein eigenes Haus bauen. Sie haben alles noch vor sich. Frauen müssen ihre
Entscheidungen gar nicht begründen, und wenn doch, dann berücksichtigen sie
viel stärker die sozialen Aspekte, egal wovon. Sie erwägen die Konsequenzen
ihrer Partnerschaft, die sie erstreben, sie berücksichtigen auch die
Konsequenzen für Partnerschaft, Freunde, Feinde und Familie. Ach was! Das
stimmt nicht, das ist alles einseitig, fragwürdig und parteiisch. Ich glaube es
mir ja selbst nicht mehr und muß es meinem unglücklichen Seelenzustand
zuschreiben, daß ich es immer noch so sehe. Brigitte empfängt den Anblick ihrer
Schüler dreimal die Woche am Nachmittag, von drei bis sechs Uhr, das genügt,
und sie hat doch keinen Geliebten, dem sie solang eine unerwünschte Auskunft
nach sich geben könnte, bis er sie entnervt wieder verließe. Oder hat sie
einen? Hat sie das blitzende Band eines Menschen über oder unter sich, auf dem
sie schwimmen kann? Ich schaue in diverse Zeitschriften und entscheide, daß sie
keinen hat, der denen, die dort geliebt werden, ähnelt. Keiner interessiert
sich für sie, obwohl sie doch hier und in den angeschlossenen Gemeinden
ziemlich bekannt ist als eine etwas Seltsame. Sie ist hier fast schon berühmt,
die Geigenlehrerin, und was nützt es ihr? Aus ihr läßt sich kein Eisen
herausschmelzen, das ist aber auch nicht nötig (Eisen haben wir noch genug für
etwa zehn Jahre), aber man kann Kenntnisse und Fertigkeiten durch sie erwerben,
die nicht von selber kommen, und die man länger hat als zehn Jahre. Die Straßen
werden naß, wenn es regnet, aber sie waschen sich nicht. Und so ist diese Frau.
Ungefähr. Ich weiß auch nicht. Der Mensch ist immer zwischen Gehen und Bleiben,
und ich weiß natürlich nicht, wo dieser eine besondere, wenn auch recht normale
Mensch gerade ist. Geht sie oder wird sie bleiben, ich glaube, Brigitte wird
bleiben, denn ihr Haus bleibt ja auch. Je mehr die Frau im allgemeinen erwirbt,
umso weniger kann sie ausgeben, denn im Grunde hat sie nur sich, und sie
verausgabt sich jeden Tag, ohne je etwas für sich zu bekommen. Brigitte jedoch
hat jetzt alles für sich und darf es behalten. Keiner macht es ihr streitig.
Der Rechtsstreit ist ausgestanden, der Mann war dabei ausgeschlafen, ein
örtlich bekannter Anwalt hat dirigiert. Sie ist allein wie jeder, nur weiß sie
es jetzt. Sie ist auch gern allein. Dabei verbraucht man nicht soviel
Erziehung, kann jungen Menschen etwas davon abgeben und dabei ernsthaft sein,
und man kann in unvorstellbarer Aufmachung herumrennen, ohne daß einer einen
sieht, denn wenn einer jemanden sieht, dann kann es nicht Brigitte gewesen
sein. Da steckt noch was, nein, nicht
was Sie denken, da ist noch dieser zerknüllte Zeitschriftenfetzen aus dem
Rinnstein, Brigitte weiß immer noch nicht, warum sie ihn aufgehoben hat, und
sie weiß genauso wenig, warum sie ihn nicht einfach wegschmeißt. Stattdessen
glättet sie ihn und betrachtet das Foto der zwei jungen Leute, daneben noch ein
zerknülltes Porträt, nicht auszudenken, wen es darstellt, und die Textfragmente
dazu. Wovon ist hier die Rede? Die junge Frau scheint ermordet worden zu sein
oder sonst etwas Gräßliches erlebt zu haben, die Buchstaben sind so grell, daß
man das erfahren muß, und der Grund, wenn nicht gar der Ausführende, das geht
aus den paar Zeilen nicht hervor, scheint dieser junge Mann auf dem Foto
gewesen zu sein, oder?, man kann sich auch irren, es sind nur noch ein paar
halbe und ein paar dreiviertel Zeilen vorhanden. Kein Mensch würde mit dem
leben, was man ihm so einfach ins Haus setzt, und wärs ein Goldhamster, doch
kann es sein, daß jemand sich Gesellschaft schon aus Zeitungsfragmenten
herbeiholen muß? Wir haben Gala abonniert und auch noch andre Blätter, warum
also auf dieses Zeitungsblatt auch nur einen Blick verschwenden? Man versteht
ja nicht einmal, wer oder was gemeint
ist. Man sieht kaum etwas. Dieses Foto erinnert sehr ernsthaft an etwas
Natürliches, nämlich das Töten, aber wer mit wem? Wer gegen wen? Brigitte
schaut, das Papierl immer noch in der abgesunkenen rechten Hand oder wie soll
ich das besser formulieren, aus dem Fenster. Die Gemeinde hat folgendes vor: Da
die Einwohnerzahl so stark sinkt, will sie immer mehr Arbeiterhäuser an der
Peripherie entvölkern, die Restmenschen aussiedeln, ihnen neue Wohnungen, näher
am Zentrum, zuweisen und die Peripherie anschließend in die Luft jagen. Die
Menschen sollen, um ihren beruflichen Handlungsspielraum zu erweitern, ihren
Lebensraum verengt bekommen. Wie soll ich es ausdrücken? Es geht schon wieder
nicht. Danke, so wie Sie es wollen, will ich es aber nicht. Den Lebensraum also
verkleinern? Vielleicht damit es sie rascher heraustreibt, die Menschen, und
sie sich auch rascher einen neuen Job suchen gehen. Der Gemeindebau-Richtblock
mitten in der Wiese ist schon fast leer, sieht Brigitte, vor kurzem war er noch
in Betrieb, man hatte sogar das Empfinden von Größe und unangenehm betrunkenen
Männern. Doch bei ihr ist noch niemand eingezogen, der woanders rausgeschmissen
wurde, und ihr Haus steht ihm recht nahe, diesem Wohnblock. Es gehört ihr
allein. Gegenüber ist noch eine zweite und dann eine dritte Reihe von
Einfamilienhäusern, dann die schlecht besprochene Wiese, und anschließend kommt
gleich der Wohnblock für die Eisenarbeiter, die auch bisher schon
Freizeitangebote wahrnehmen hätten können, hätte es diese gegeben und hätte man
ihnen überhaupt etwas angeboten. Doch jetzt kommt Bewegung in die Menschen,
ihre Flut teilt sich, jetzt bietet man ihnen an, näher ans Zentrum zu ziehen,
wo auch schon wieder Leute von der Arbeitslosigkeit hinausgetrieben worden
sind. Und deren Wohnungen sind nun ihrerseits frei geworden. Ich merke, daß ich
das schon wieder sehr ungeschickt erzähle, wahrscheinlich, weil es mir
gleichgültig ist, noch wahrscheinlicher aber, weil ich es nicht besser kann.
Aber die Menschen, und zwar alle, sind mir auch im tiefsten Sinn gleichgültig.
Doch die Menschen, die hier gelebt haben, seien ihrer Stadt selbstverständlich
nicht gleichgültig, sagt der Herr Bürgermeister, aber die Menschen sind schon
weg, wem sagt er das also? Man käme nicht auf die Idee, daß hier die Hauptschule
der Stadt beheimatet ist. Dunkel und leblos thront das Gebäude über der
Altstadt. Nur bei genauem Hinschauen kann hinter einzelnen Fenstern staubiges
Schulmobiliar ausgemacht werden, liegengelassen, nicht abtransportiert. Die
Schule hat nicht ihr Haupt verloren, ihr Haupt hat die Körper der Kinder
verloren. Ihre Tritte hallen nicht mehr auf dem geölten Boden wider, der
Turnsaal hallt nicht in seinem gestörten Zeit-Raum-Verhältnis, alle Tritte sind
ausgeteilt, eingesteckt und ausgegeben. Verloren. Am Eingangstor klebt ein
weißer Din-A4-Zettel, auf dem eine Gratulation für den Olympiasieger zu lesen
ist, der vor etlichen Jahren gesiegt hat und aus der Gegend kam. Er war hier
Schüler der Hauptschule, damals war noch richtig was los. Heute ist nur noch
die Hälfte des Gebäudes belebt, die andre ist stillgelegt und wird nicht mehr
aufgewärmt werden können, um wenigstens als Jüngstes Gericht dargeboten werden
zu können. Die Menschen sind fort, vor allem die jüngeren. Ähnliche
Einrichtungen mußten bereits geschlossen werden, wie der Kindergarten. Die
zweite Volksschule wird nächstes Jahr dran sein, in der ersten Volksschule
unterrichtet Brigitte noch, sie nutzt deren Räumlichkeiten, aber auch ihre
Schüler werden weniger, und was wird sie dann hier machen? Wer spielt noch
Geige? Andre spielen hier die erste Geige, und die zweite hört man nicht, die
begleitet nur, schrumm schrumm. Diese Stadt ist für 13000 Menschen eingerichtet
worden, aber jetzt stehen Teile ihrer Möbel sinnlos herum, denn nicht einmal
6000 leben noch hier. Eine Geisterstadt, gegen die man etwas tun muß, wir haben
schon so oft etwas gegen den Geist unternommen, also wird uns das auch diesmal
gelingen, sagen die Verantwortlichen, die niemand haben, für den sie noch
Verantwortung tragen könnten. Das Lachen von Faschingsveranstaltungen und
bunten Abenden wäre ein gutes Mittel der Erziehung zur Dummheit, wie der
Villacher Fasching, und die Dummen bleiben immerhin noch hier, sie können sich
nämlich gar nicht vorstellen, wie es woanders wäre. Niemand lacht mehr,
inzwischen lacht niemand mehr, alle denken laut über Rückbau und Abriß nach;
die Gegend, in der sie geboren sind und aufgezogen wurden, hallt wider vor
lauter Nachdenken der Einwohner über ihr trübes Schicksal. Die Leute haben z.
B. nichts mehr, wohin sie noch ausgehen
könnten, doch von Ausgehen ist immer und überall die Rede, wo die
Öffentlichkeit mitreden darf, in den Medien der Massen, wo man die Leute
betrachten kann, die gern ausgehen und ihre Gläser erheben und sogar live
heiraten, ja, ja, die gehen uns nie aus. Kaum noch Lokale hier, obwohl das
Saufen das letzte ist, was man aufgeben möchte, da gibt man lieber sein Haus
auf. Überschüssige Wohnungen sollen also gesprengt werden, aber mit dem
Sprengen kommt man inzwischen kaum noch nach. Wenn das so weitergeht, wird es
in fünfzehn Jahren nur noch 4000
Einwohner geben, und der Wohnungsleerstand wird 45 Prozent betragen. Das muß
man sich mal vorstellen, wie es hier dann ausschauen wird! Leere. Leere. Leere.
Der Wind pfeift durch die Gassen, und dann erholt er sich nicht mehr wie
früher, da man ihm geantwortet hat, mit Gesängen, in die sich Seufzer einst
wandelten und mit den speziellen, lang eingeübten Gesänglereien nach all den
Sportsiegen, auf die man hier stets treu gesetzt hat. Der Olympiasieger: Bravo!
Wir holen ihn im Triumph auf unsren Schultern heim und sind glücklich. Das
gelingt uns mühelos, wenn wir nur einen Grund dafür haben. Einen Grund, der
wenigstens notdürftig unsere Beine bis an die Knie bedeckt, bestehend aus
Schlamm, in dem wir dann stecken, aus fauligem Dreck. Am liebsten drehte ich
mich auf meinen Absätzen herum und ginge weg, aber ich trage niemals Schuhe mit
Absätzen, immer nur Turnschuhe. Ich muß Brigitte anschauen, doch sie muß mich
nicht anschauen. Das ist das Gesetz der Offenheit, zu der ich Ihnen gegenüber
verpflichtet bin, aber ich sehe ja die Tür gar nicht. Ich zwinge sie nicht
aufzugehen, ich finde die Klinke nicht. Das Licht geht an. Das Licht geht nicht
aus. Alle gehen aus, ich sagte es schon, nur ich gehe nirgendwohin. Kunst,
bleib wenigstens du bei mir! Nein, auch sie geht, ich sehe es ihr zumindest an,
daß sie im Aufstehen begriffen ist, weil ich nichts begriffen habe, und sich
die Schuhe anziehen will, denn ich zwinge sie immer, die Schuhe auszuziehen,
bevor sie sich auf mein Sofa setzt und die Beine hochlegt, damit sie mir meinen
Mutterboden, den meine Mutter so gestaltet hat, wie er eben ist, nicht
ruiniert. Sie geht von mir, die Kunst, macht ja nichts. Ihre Absätze haben so
kleine häßliche Löcher in meinen Boden gebohrt, noch bevor sie die Pumps von
den Füßen abschütteln konnte, was ich ihr doch ausdrücklich befahl.
Wahrscheinlich konnte ich mich wieder mal nicht richtig ausdrücken. Sie könnte
in jedem Stück blauen Himmels schlummern, die Kunst, wenn ich es ihr befehlen
würde, aber heute hab ich sie hereingebeten, es ist schon recht kalt draußen.
In Brigitte ist es innerlich auch kälter als draußen. Sie kann nicht einmal von
den Verfehlungen ihres Weges bewegt werden, vielleicht von einem
Mozartquartett, vorübergehend, falls sie über die kratzenden, scharrenden,
schabenden Mißtöne, die ihre Schüler so übermäßig oft produzieren, hinweghören
kann, aber vorübergehen kann sie daran nicht. Seltsam die Musik. Wenn man es
kann, kann man es, sodaß man glücklich in ihr wird. Ich konnte das manchmal,
aber nicht oft. Dem Komponisten kam gerade ein rettender Einfall, nur ist das
schon dreihundert Jahre her oder so, und mich rettet er nicht mehr, er ist
schal geworden, egal, ich werfe mich in ihn hinein wie in die Herbstsonate, ich
meine den Herbstwind. Nicht aufhören! Weitermachen! Egal womit! Ich will jetzt
auch einen Einfall haben, der mich verwüstet, aber dann wüßte ich wenigstens,
daß es ein guter Einfall gewesen sein wird, ein starker Einfall, ein
Sonneneinfall bei 35 Grad plus, was wir bald öfter haben werden, wenn die
zerstörte Umwelt uns alles Grüne und Luftige nimmt und das Braune dafür gibt.
Aber wir, Brigitte und ich, wir gehören nicht zu den typischen
Hausfrauenhänden, ich meine, uns gehören die nicht, diese Hände, die ordnen
können, wir gehören zu denen, denen nichts gehört, egal, was ihnen gehört, z.
B. dieses Einfamilienhaus und dieses dort drüben ebenfalls, naja, etwas weiter
weg ist es schon, ja, meinetwegen, dieses also auch. Wir gehören nicht zu den
Ordentlichen; was uns antreibt, kommt eines Tages geflogen wie ein Vogerl und
geht zu Fuß wieder fort. Ich schreibe um die Wette, aber mit wem? Wer würde
denn auf mich wetten? Eben. Es ist sinnlos, und ich bin müde. Brigitte ist noch
ein wenig aufgeladen von der Musik, aber auch sie ist recht erschöpft. Wir sind
müde, alternde Frauen und nähern uns einander an, wobei wir uns rasch
entschuldigen und die Köpfe abkehren werden, wenn wir uns mal persönlich
begegnen, mein Gott, ist das peinlich! Jetzt hätte Gott fast mein Gesicht
gesehn! Und es schaut inzwischen genauso aus wie das dort drüben. Der hätte ein
schlechtes Bild, zumindest ein ungenaues, verwischtes, von meinem Gesicht bekommen,
dabei müßte er
es kennen, er hat es ja gemacht. Vielleicht hätte er sich doch das teurere
Handy leisten sollen? Diese Bilder kann man nicht herzeigen. Allerdings ist
alles auszuhalten, auch das Alter, wenn man das Ende in der Ferne nahen sieht.
Wir sitzen ernsthaft zu Haus, wir beide, Brigitte und ich. Das gibt es nicht,
ich meine: Nichts gibt es, und das gibt es dann auch wirklich nicht. So ist das
mit dem Schreiben, das ungerecht ist und sich an mir bereits mehrmals, ein
paarmal zu oft, gerächt hat, ha! Alles Ungerechtigkeiten, die man andren zufügt
und die einem doppelt so gemein zurückgefügt werden. Und die Anwürfe erfolgen
nicht immer an der Stelle, wo der Putz abgegangen ist und man sie brauchen
könnte, da sie, getrocknet, erstarren. Diese Wohnbaugesellschaft z. B. besitzt,
kein Wunder, daß sie diesen Standort aufwerten will (aber nie den,
wo Brigitte und ich stehen), insgesamt 1500 Wohnungen, und die Gemeinnützige
Industrie–Wohnungsaktiengesellschaft, kurz GIWOG genannt, besitzt nochmal rund
1000, sie mag gemein sein und unfreundlich werden, wenn man seine sehr
gerechten monatlichen Beiträge nicht leistet, sondern sich lieber was andres
leistet, aber nützlich ist sie sicher, fragt sich nur für wen, na, für den, der
ein Dach über dem Kopf hat, ein Giebelkreuz (jawohl, Raiffeisen, Sie sind
gemeint, wo Ihnen doch alle Zeitungen gehören, also die meisten schon! Was
brauchen Sie da noch zu raffen und zu raffeisen? Das Eisen ist uns doch auch
schon lange ausgegangen!) und eine unterentwickelte Landschaft vor der Tür, die
man zu meiden sucht, so oft es geht. Naja, die Umwelt ist recht intakt, da kann
man nichts sagen, sie wird von nichts mehr verschmutzt, seit das Eisen
heruntergewirtschaftet ist, aber sie ist andrerseits wieder nicht so
entwickelt, wie sie sein sollte, damit Fremde herkommen. Es gibt neuerdings
sogar einen Verein, der, die Umwelt betreffend, bewirken soll, daß innere
Zufriedenheit bei den Einheimischen einkehrt – damit ihnen dann endlich die
Fremden auf dem Fuß folgen sollen – und sich ein Bier bestellt und ein Paar
Würstel mit Senf, den Senf spendiere ich, wenn nur die Fremden nicht kämen und
mich verschonten. Die Fremden sollen mich auslassen, wenn sie aus ihren Käfigen
gelassen werden. Nein, die Leute identifizieren sich nicht mit dem Image, das
diese ausgeronnene, ausgeleerte Metaller-Stadt jetzt hat, es ist das Image
vollkommener Leere und Alterung, sondern sie würden sich lieber an ein Image
halten, das sie noch gar nicht bekommen hat, diese Stadt, aber irgendwie wollen
die Bewohner das auch wieder nicht – die Identifikation der Menschen mit dem
neuen Image des Fremdenverkehrs, der noch nicht Einzug gehalten hat, ist noch
nicht gelungen, der Schritt ist allerdings auch noch nicht getan worden, er
zwickt im Schritt, nein, die Spur des Schritts ist derzeit nicht zu sehen, er
wird jedoch gesetzt werden müssen. Die Arbeitersiedlung steht noch da, soll
aber geräumt werden, die Menschen sollen durch bessere ersetzt, Pflanzen sollen
neu gesetzt, Menschen sollen von ihren Bankreferenten gepflanzt und die Häuser
ebenfalls durch bessere ersetzt werden, nein, das stimmt nicht, die Menschen
sollen ihre Häuser verlassen und in andre ziehen, die von anderen wiederum
bereits verlassen wurden. Hier haben Sie das neue Haus, es unterscheidet sich
nicht vom alten, also das alte brauchen wir doch gar nicht mehr! Sie werden
sich hier garantiert genauso wohlfühlen! Wir schrumpfen uns jetzt gesund und
geben Siedlungsblocks auf, die nicht mehr gebraucht werden. Zum Beispiel diesen
hier. Wer gehört hierher? Für wen wurde dies geplant, und welcher Plan ist es,
in den man am Schluß einen kleinen Menschen einzeichnet, damit er lebendiger
aussieht? Man hat menschliche Taten vor Augen, ja, auch beim Schreiben, und die
soll man dann in verwackelten Kurven nachfahren, als hätte man Nachfahren (und
nicht nur das Nachsehen), die für einen weiterleben und die ich nicht habe und
die auch Brigitte nicht hat, Menschen, die einem nachfahren wie mit einem
befeuchteten Finger, bis sie mit der Kreide auf der Tafel quietschen, auf der
die wichtigsten Daten des Lebens von Personen, die es nie geben wird,
aufgeschrieben sind. Ob sie das tun, diejenigen, die uns nicht folgen wollen,
hängt von ihrem Ausgangsmaterial ab, einiges rutscht leichter als andres
hinunter. Und das sagen Sie einer ständig Gekränkten und Beleidigten wie mir?
Daß ich drüber lachen soll? Nein, davon verstehe ich nichts, ich gehe selbst
niemals aus, aber mir geht dafür mein Stoff aus, ich bin doch keine
Materialprüfungsstelle, ich würde deren Prüfung doch niemals bestehen. So, hier
können Sie sich davon überzeugen, ich gehe nie aus, Sie werden mich kaum je im
Freien sehen, davon können wieder Sie ausgehen! Sie wollen nicht? Macht nichts,
es ist egal, wie alles, das sagt mir meine liebe Depression, du schwarzer Hund!
Du Notruf auf einer Bergkante, wie gut, daß wir das transportable Telefon
mithaben! Du falscher Ton in der Kantate! Ich bin die Saalkandidatin für diesen
fadenscheinigen Zustand, durch den jeder hindurchsehen kann, ein Zustand, der
auch heute wieder pünktlich eingetroffen ist, wenn Sie das lesen, Sie tun es eh
nicht, aber wenn, dann werden Sie vielleicht auch verstehen, warum sie gekommen
ist, meine unerträgliche Schwermut, und zwar das Modell für die extrem
Mutlosen, warum sie nirgendwo sonst angebracht wäre, diese innere Verdunkelung
vor meinem Oberstübchenfenster (ich hab sie nicht direkt erwartet, aber sie ist
trotzdem gekommen, und zwar von dort droben, genau aus diesem Fernsehzimmer, wo
fröhlich geplaudert wird), und sich soeben die Hausschuhe anzieht, damit sie
meine Bodenlosigkeit nicht noch mehr beschädigt, als die schon beschädigt ist,
allein von der Anstrengung, einen festen Boden auch nur vorzutäuschen; andre
Frauen, haben nämlich diese spitzigen Absätze, von denen ich schon sprach, ich
habe keine solchen, aber sie, die anderen, haben diese Bodenabdecker, und die
können ordentlich zutreten, kann ich Ihnen schon wieder sagen, daher mache ich
hier keine Absätze, damit sie mich nicht bis aufs Äußerlichste ins Schienbein
treten können. Wer steht mir bitte irgendwie bei? Niemand? Das hat sich auch
Brigitte schon gefragt, da sie es gestern in einem TV-Krimi gehört hat, dort
hat ein Drehbuch bestimmt, daß ein Mensch wie eine offene Wunde herumläuft und
ein andrer wie ein offenes Messer in ihn, nennen wir ihn halt von mir aus
Wunde, hineinläuft, nein, umgekehrt. Wie sollen beide zueinanderfinden und
glücklich leben, Wunde und Messer? Sie tun es nicht. Sie wollen nicht. Das sind
uralte Worte und Gedanken, sie mußten sich schon so oft im Kampf bewehren, daß
sie ganz durchgescheuert sind, daß sie total bescheuert sind. Sogar gegen
blanke Not würde ich sie noch eintauschen, solche Worte und Gedankenfetzen,
nicht aber diesen Papierfetzen, den Brigitte im Rinnstein gefunden hat, Sie
erinnern sich, Sie werden sich noch oft erinnern müssen, ich trete es Ihnen
gerne breit; wenn eine Erinnerung nicht einträte, wärs kein Wunder, weil soviel
dazwischen vorgekommen, aber nicht vorgefallen ist, da fällt man ja selber tot
um, wenn man sich das alles vorstellen soll! Brigitte legt ihre Geige auf die
dafür vorgesehene kleine Sitzbank im Vorzimmer, auf der noch nie jemand
gesessen ist außer der Geige oder sie selbst oder sie beide gemeinsam, wenn sie
sich die Hausschuhe anzieht, da quetscht sie sich vor dem Hals der Geige in die
Kissen und wechselt das Schuhkraftwerk, das ihr wieder einmal nicht den Antrieb
geliefert hat, den sie benötigt hätte, doch wofür auch?, für nichts. Kein Ort,
wohin man gehen könnte, hier ist Endstation, lächel, lächel, Mitleiden!, wie
der Dichter sagt. Sie tritt ans Fenster und schaut auf den Berg. Der Berg, auf
dem sie nicht steht, ist der weiße, helle und sehr glänzende Punkt, den sie in
der Mitte der zarten Gewebe ihrer gefrorenen Fenster sehen könnte, wäre der
Berg nicht rot und aus Erz. Und es friert noch gar nicht. Aber es wird bald
frieren, und wir mit ihm, mit wem auch immer. Die Palmenränder, nicht die
palmtops, der gefrorenen Fenstertafeln nennt es der gemütliche Dichter, der uns
einlädt, weil er es selbst gemütlich hat, und wenn es sehr kalt ist, nehmen wir
die Einladung gerne an, bitte, danke, diese Palmenränder werden durch Abbröcklung
wegen des Luftzuges oder durch Verschmelzung wegen der Wärme lückenhaft und
unterbrochen. Bitte, danke, das Gebirge verwittert ja auch, wenn Wasser auf es
einfließt, in es eindringt, auf es draufkommt, Wärme und Kälte es umgeben. Hier
ist nicht der Platz, sich an die Entstehung der Erdoberfläche zu machen, hier
ist dennoch zuviel Platz, der jetzt verringert werden soll, indem man die
Menschen auf kleinerem Raum – einen größeren brauchen sie nicht mehr –
zusammendrängt. Ihre vielen kleinen Tatsachen, die sich von einem Höhepunkt zu
einem nächsten hangeln und sich an den verschiedensten Stellen zu einer Art
erhabenem Ganzen ausbreiten (schon eine Weinverkostung im Nachbarort kann einen
Teil eines erhabenen Ganzen und eines festen Grundsatzes ergeben, wenn man
sonst nichts erlebt), stellen sich unseren Blicken aus und werden hier mühevoll
dargestellt, aber sie bleiben nicht stehen. Sie wollen nicht stehenbleiben,
damit ich sie abschildern kann. Jemand hat diese Schilder um ein paar Meter
versetzt, jedesmal wenn ich sie zu lesen versuche, um sie dann eventuell
auszutauschen, wenn was Falsches draufsteht. Die Mitbewohner dieser Stadt
wollen aber umgekehrt auch nicht auf einen höchsten Punkt hinauf, um das Meer
zu sehen, diese Behauptung ist total falsch, denn hier war jeder schon
irgendwo, wo das Meer ist, nur ich seit vielen Jahren nicht, ich war noch
nirgends. Ich bin da. Brigitte, leg endlich die Geige weg! Ach so, das hast du
ja schon getan, entschuldige bitte! Wenn man nur einen Moment nicht aufpaßt,
dann passiert sowas! Kein wertvolles Instrument diese Geige, vor Jahrzehnten
bei einem kleinen Wiener Geigenbauer erworben, den sie mit der Stellung des
Stimmstocks und des Stegs, die ihre vorläufige in eine Dauerstellung umwandeln
und nicht dauernd verpflanzt werden wollten, zur Weißglut getrieben hat, ohne
daß diese und jede andere Veränderung den Ton je verbessern hätte können, denn
letztlich liegt es immer am Menschen selbst, so hat sie das Instrument
letztlich doch behalten, mitgenommen, wie es war, aus dieser Geige wird nichts
mehr, aber aufpassen muß man trotzdem drauf, weil sie einem gehört. Man sollte
sich zumindest nicht drauf setzen. Diese Gefahr besteht nicht. Eine neue Geige
könnte Brigitte sich derzeit nicht leisten, ihr Mann zahlt ihr grade so das Minimum,
er hat eine neue Gattin und ein kleines Kind, für welches der ersten Frau, dem
Original, Geld abgezogen wird, um es der Kopie zu geben; er hat eine neue Frau
und ein neues Kind, die, obwohl das Kind noch klein ist, schon etwas mehr
kosten als ein einzelner Mensch, Geld, das nicht gleichzeitig für eine alte
Frau ausgegeben werden kann. Geld ist schließlich nur einmal da, und immer
woanders, diese Finanzfrage hat der Richter geklärt und erklärt, den wir dafür
eigens gebraucht haben. Morgen wird er wieder mit Brigittes Anwalt Tennis
spielen, der den Anwalt des Ehemannes (der in Streit steht und wieder Vater
wurde, in relativ späten Jahren wurde er das) wiederum gut kennt, noch vom
Studium her, denn hier kennt jeder jeden, allerdings nur selten vom Studium,
wir sehen es, Sie haben es uns oft genug erklärt, und es kennen einander immer
diejenigen am besten, die uns reinlegen wollen: Wir werden, obwohl wir ihn
brauchen, doch keinen Richter brauchen, die beiden machen sich das beim Tennis
alles aus, der Richter und der Anwalt, daß Brigitte nichts bekommen wird als
das absolut Nötigste und Vorgeschriebenste, das nicht Vorschrift ist,
vielleicht regeln wir das auch beim Squash, aber das dann lieber gleich in
Graz. Hier haben wir zwar eine Halle, aber nicht eine solche. Glauben Sie mir
und nicht diesen rechtsdrehenden Bazillen! Die Frau hat die Reihenfolge, mit
der ihre Bratpfannen ineinandergestapelt waren, nicht gewußt, und zwar die
genaue Hochstapelei–Abfolge einer Pfanne in der nächsten, die größte unten, und
das mußte sie vor Gericht zugeben, eine bessere Frage ist dem Herrn Richter
nicht eingefallen, nachdem er alles andre schon gefragt hatte, ich sagte es
schon oder ich werde es noch einmal sagen, denn es ist wichtig, und daher ist
diese Frau, ohne das Verschuldensprinzip, das wir nicht mehr kennen, weil wir
ja auch die Schuld nicht mehr kennen, dann letzten Endes mitschuldig geschieden
worden. Oder so ähnlich, ich kenne mich mit dem Recht nicht aus. Immerhin hat
sie weiterhin Geige unterrichten dürfen, das ist doch schon was, es wurde ihr
nicht ausdrücklich verboten, das ist doch schon was. Das ist ihr ganzes Leben,
die Kunst. Hahahaha! Das muß man sich einmal vorstellen! Wenn die Kunst einem
ALLES ist, dann strömen Legionen ameisenartig von überall her, bauen einen
großen Haufen mit unglaublich vielen Gängen, die metertief in den Boden
hineinragen, sie haben ein unglaublich gutes Verbindungssystem untereinander
(und da spreche ich noch gar nicht von den katholischen
Katalysator–Studentenverbindungen, die hier zulande und zuluft für jede Zukunft
entschieden noch viel wichtiger sind!), und alle alle haben sie sich
zusammengetan, um Leute wie Brigitte oder mich, aber von mir will ich nicht
sprechen, von mir spreche ich dauernd, ohne es zu wollen, zur Sau zu machen.
Brigitte liegt die Kunst am Herzen, aber nicht unter dem Herzen, aber es kommen
von weither die kleinen Engel, ich erwische sie leider nicht einmal an den
Füßen, denn sonst zöge ich sie zu mir runter, sie kommen herbeigeflügelt, um
dieser Frau die Kunst mit dem Leben gemeinsam auch noch einzutränken. Die Kunst
ist kein Cocktail, sie ist eher ungenießbar: Sie ist mehr, als Sie oder ich tun
könnten, um uns zu ernähren. Aber es reicht nicht. Das Leben ist hart. Der
Geigenkasten ist auch recht hart, damit der Geige darin nichts passiert, im
Grunde könnte man sich ruhig draufsetzen, in jedem Fall: Man käme ans
Instrument gar nicht erst ran, wollte man es endlich zertreten wie Ungeziefer.
Man müßte erst die Hülle entfernen, so wie die Hülle der Häuser hier zertreten
wird, um die Menschen enger aneinander zu binden. Vielleicht haben sie uns dann
ein wenig gern, und durch diesen Rückbau an Arbeiterwohnungen könnte man neues
Bauland gewinnen, das dann in einem feierlichen Akt gewidmet werden kann, nicht
an Elise oder die Gräfin d’Agoult. Nein, nicht denen, da gibt es Größere, es
gibt immer Größere, egal, wovon man ausgeht, sogar die besagte Ameise bildet
riesige Staaten, in denen jeder und jede seine oder ihre Aufgabe hat. Also: Die
GIWOG, das ist keine Ameise von vielen, und über deren Intelligenz können Sie
ein ganzes Buch lesen und Sie wissen immer noch nichts, die GIWOG, ich
entschuldige mich bei ihr, bevor sie mich klagt, also belegt Häuser mit hohem
Leerstand, nein, nicht mit einem Fluch, sie belegt sie nicht mehr nach. Was
bleibt ihr übrig? Es ist so oder so ein Verlustgeschäft, wenn keine Menschen
mehr da sind, die dort wohnen wollen oder können. Diese Gesellschaft wartet
also, bis das Haus ganz leer ist (naja, ich könnte mir vorstellen, so lang wie
das dauert, wollen die auch wieder nicht warten, da helfen wir ein bißchen
nach, nicht wahr, nein, klagen Sie mich nicht, es ist eh nicht wahr, ich
widerrufe ausdrücklich und wäre froh, könnte ich mich besser ausdrücken!), um
es dann gegebenenfalls abzureißen, und dieser Fall ist derzeit bereits gegeben.
Druck wird aber nicht ausgeübt, wie ein Vorstandsmitglied angibt. Die Leute
haben zum Teil ihr Leben lang dort gelebt, falls sie überhaupt gelebt haben,
gibt das Mitglied weiters an, und wollen das nicht aufgeben. Wir wollen in
unserer schönen Aufgabe aufgehen! Wir hoffen auf eine alternative Nutzung
dieser Arbeitersiedlung, aber es nutzt nichts. Gibt es den Arbeiter nicht mehr,
gibt es auch den Menschen nicht mehr, und wer soll dann hier noch wohnen? Wir
sind im Gespräch mit internationalen Ferienwohnungsheimentwicklern, wir haben
die Hoffnung auf große Tourismusprojekte noch nicht aufgegeben, und wir setzen
damit auf ein erneutes Wachstum der Stadt. Von mir aus, sollen halt gebildetere
Schichten herkommen, um sich auf Bretter nageln zu lassen, ist doch nichts
dabei!, und sich dann in frisch überzogenen Betten gleich weiter nageln zu
lassen, mir doch egal, aber mit den Vorrichtungen des Sports, dessen
Verrichtungen sowie der Art der Benutzung von Sportgeräten sollte man sich
vorher ein bißchen vertraut gemacht haben, auch wenn man im Grunde niemandem
mehr trauen kann, wie Brigitte, die einst ihrem Mann vertraute, zu ihrem
eigenen Schaden, erfahren mußte. Und so wie der Mensch der Landschaft immerdar
zu deren eigenen Schaden gerät, kann er in einem andren Menschen, in einer
andren Landschaft, strengt er sich einmal ordentlich an und jagt seinen Puls
hinauf ins Unermeßliche, zu den Sternen, zum Himmel selbst, wieder neu oder wie
neu werden (man kann nämlich sterben, wenn man den Sport zu jäh angeht, ohne
sich vorher anzuwärmen, man kann die Kochplatte nicht gleich auf neun drehen
oder welche Zahl da am Ende steht, wir fangen bei zwei an, einverstanden, mir
sind schon bei eins Sachen angebrannt? Nur dauerts dann halt entsprechend
länger), wenigstens einen kleinen Stapelsatz Gesundheit könnte man doch
gewinnen, für die braven Organe, das heißt, wenigstens seinen Einsatz
zurückgewinnen in dieser Tombola, über die man zuvor in der Zeitschrift etwas
erfahren hätte, wer heute mit Sterben dran ist, wie hoch ist bitte dieser Puls,
steht das auch auf Ihrer Karte? Der ist ja so hoch, als würden Sie dreimal auf
einmal leben, indem Sie sich dreimal auf sich selbst stellen, so, dann sind Sie
aber wirklich sehr groß! Und dieser dort, aha, zu hoch dieser Ruhepuls, dieser
Ruhepol für mich! Und dann kann man noch, wenn man will, eine Menge über die
Gestaltung des Wetters erfahren, das hier häufig schlecht ist, viel Regen, ist
das nicht zu dumm für den Tourismus? Zu dumm! Man muß die Art der Benützung der
Natur wie der von Haushaltsgegenständen (siehe: Pfannen, Töpfe!) mit
fortgesetztem Eifer und nach strenger Ordnung beobachten und befolgen, sagte
der Herr Richter damals bei der Scheidungsverhandlung zu Brigitte K. Sie hatte,
wie sie aussagte, die Reihenfolgsamkeit ihrer Bratpfannen gröblichst unter–,
nicht überschätzt, es gab zwei mehr, als sie dachte, das Butterpfännchen noch
gar nicht mitgerechnet (die hat sie alle aber nie verwendet), und da hatte der
Herr Richter sie auch schon beim Krawattl, wie man hier gesagt hat, ich glaube,
heute sagt man es anders, das ist auch der Grund, weshalb ich mich schön
langsam aus dem Schreiben zurückziehe. Ich weiß nicht mehr, wie etwas gesagt
werden muß und mit welchen Worten. Weil ich nicht weiß, wie die Menschen es und
sich aussprechen können. Ich beherrsche leider die Ausspracheregeln nicht mehr
und habe auch keine Lust, mich mit jemandem auszusprechen, das wäre ein
Alptraum!, hätte auch keinen Sinn, in mir ist nichts drin, was ich zu geben
hätte. Nichts. Nein, auch hinter mir werden sie niemanden finden! Wir sind
jetzt geschiedene Leute, ich und die Kunst, wie Brigitte und ihr Ex. Es ist das
Ernähreramt dem Elektrohandelsherrn wie dem Neubesitzer einer jungen Frau samt
Baby von der alten Frau verleidet worden, und deswegen zahlt er ihr kaum noch
das Nötigste bzw. gerade nur das Nötigste. Sonst wird geklagt. Es kamen bei der
Scheidungsverhandlung diese unschönen Dinge zur Sprache, und zwar alle, mehr
als ich anführen kann, denn Brigitte war doch von Anfang an die Angeführte,
nicht ich bins, das heißt, ich bins schon, aber anders, nur dieser Frau wurde
jedoch alles angekreidet, die Kreide ist jedoch längst wieder von der Flut
ihrer Tränen weggewaschen. Jetzt rächt es sich, daß sie ihren ungehobelten,
doch relativ wohlhabenden Mann immer auch ein wenig verachtet hat, immer ein
wenig von oben herab war sie zu ihm, hochnäsig, nicht wahr, Hochmut kommt vor
dem Fall, der zwischenzeitlich erfolgte, beides versucht – kein Vergleich! Sich
an einem Fallschirm oder Paraglider aufhängen: unvergleichlich! (und von ihm,
diesem Menschen, hat sie andrerseits Bewunderung für ihr Kunstverständnis
erwartet, ja verlangt, wir sehen schon: kein Fremdverschulden, nur eigenes),
man schmückt sich mit der Frau allerdings, und das ist zu bedenken, nur,
solange diese auch wirklich Schmuck ist. Wird sie ein Klotz am Bein und liegt
sie wie ein Klotz im Bett, da sie andre Interessen hat, die vorrangig sind, wie
das Schulorchester, das aufzubauen wäre aus den Trümmern der Trümmerkinder
hier, dann, ja dann kauft man sich halt ein neues Ringelein für die Neue, ich
glaube, das war schon, das mit dem blöden Ringelein, dem Ringelrein, das man in
die Pfanne tut, damit sie blitzt und blankt. Wenn die Steine aus der Krone und
die Zähne aus dem Mund fallen, wird es höchste Zeit für eine neue Hochzeit, au,
das tut ganz schön weh, aber nur einem von Ihnen oder zweien von Ihnen. Dann
erfolgt der Austausch auf dem Spielfeld, und die Frau muß nun woanders spielen
gehen, am besten in einer nahen, doch nicht allzu nahen Stadt, in die man sie
schullandverschickt, dort ist schließlich auch eine Musikschule, wer stirbt
daran, wenn er übersiedeln muß?, wie schön! Eine neue Musikschule, wenn auch
eine viel kleinere, eine, die so klein ist, daß sie gar keine mehr ist, und
außerdem geht dieser Stadt langsam, wir sagen es Ihnen ständig, wieso merken
Sie es sich nicht?, es geht ihr das Menschenmaterial aus, die Begabungen gingen
als erstes, die gehen immer als erstes, weil sie als einzige noch gehen können.
Und stirbt diese Stadt, stirbt auch diese Musikschule. Es gibt hier nicht so
viele Ärzte, Apotheker und Geschäftsleute, die ihre Kinder Geige spielen lernen
lassen wollen, und gäbe es sie, wollten die mit Sicherheit etwas andres lernen
als Geige, etwas, das ihnen im Berufsleben mehr rutschfeste Sicherheit
verspräche. Eigentlich hat Brigitte fast nur noch erwachsene Schüler, die sich
ein schönes Hobby suchen, vor allem Lehrer und die Nachzügler von Lehrern,
Nachzügler nannte man die Sprengungen, die nach Sprengende noch losgingen,
keine Sorge, man hat immer einen Sicherheitsabstand einkalkuliert, als der Berg
noch zum Toben gebracht wurde. Lang, lang ists her. Ach, war das schön,
lautlose Stille folgte den Sprengschüssen, dann (vielleicht) einige dieser
Nachzügler, dann noch ein, zwei Nachkommen von Nachzüglern, und dann zogen wir
die Schraube an, der Berg soll ruhen in Frieden, Amen, und dann neun Schläge
auf die Stahlplatte, und sogleich wird es auf dem Berg wieder lebendig. Es
wurlt nur so. Auch ein Wort, das Sie vielleicht nicht kennen, wenn Sie nicht
von hier sind, ja, ja, ich bin ja schon ruhig, nein, doch nicht, wie ich direkt
vor mir auf dem Bildschirm sehen muß. Viele hundert Bergarbeiter verlassen ihre
sicheren Unterstände und fangen an, wie Ungeziefer auf dem Berg herumzukriechen,
der wimmelt jetzt nur so von Menschen! Nein. Der wimmelt jetzt nicht mehr, nie
mehr. Der Erzberg heute: tot. Mehr oder weniger. Er wird sehr bald ganz tot
sein. Ein Museum. Das Schaubergwerk: in Betrieb, die Öffnungszeiten entnehmen
Sie bitte, nein, lassen Sie sie bitte dort, vielleicht will noch wer andrer das
Werk besichtigen, das keins mehr ist, aber die Öffnungszeiten stehen am
Gemeindeamt, an der Kirche, am Spital, an der Aufbahrungshalle vom Friedhof und
sonstwo angeschlagen, dort können Sie sie dann abschlagen, wenn Sie Ihren
Hammer noch nicht weggegeben haben, weil kein Nachfahre da ist, an den Sie ihn
hätten weiterreichen können. Also reich wird man davon nicht. Brigitte hat
also, sie erinnert sich kaum noch, aber sie kann es, das Spielen an einer
Musikschule und später sogar an einem Konservatorium in einer größeren Stadt
erlernt, und jetzt wendet sie das Erlernte eben an, was soll sie sonst damit
machen. Ihrem geschiedenen Mann hat es jahrelang sogar gefallen, daß seine Frau
einen interessanten und nicht alltäglichen Beruf hatte, denn dadurch hatte er
Zugang zu den Honoratioren am Ort, dem Arzt, dem Anwalt, dem Notar, dem
Apotheker, alles seine Kunden in Bruck! Kleiner Rabatt: immer drin! Wir kennen
uns schließlich durch meine Frau, nicht wahr, aber die Frau braucht er nicht
mehr, da er ja die Kunden bereits hat. Und die Stadt hat keine zweite
Elektrohandlung wie seine, aber sie hat zwei Kaufhäuser, wo man auch so einiges
kriegt. Die Frau hat also diese Menschen alle am Stammtisch zusammengeführt mit
ihrer zarten geisterhaften Geigenhand und der Bogenhand, doch letztlich war sie
dann die Erschossene, der Pfeil ging mitten durch ihre Brust, was mit der Geige
war, wissen Sie ja, sie liegt jetzt auf der kleinen Bank im Vorzimmer des Einfamilienhauses
(das alles ist ihr bei der Scheidung halt nur total auf den Kopf gefallen, aber
da fällt einem jede Kleinigkeit auf den Kopf, die man vorher, stolz wie die
Eingeborene ihren Krug zum Brunnen trägt, darauf noch balanciert hat, denn
Anwalt und Richter, die mitsammen Tennis spielen, wann immer sie können, ich
sagte es schon, und es gibt dafür nur einen einzigen Platz, also müssen sie
sich dort treffen, haben sich diese schweren Gemeindeeinheiten, die immer alles
und alle nach unten ziehen müssen, um sich selbst zu erhöhen, die haben sich
gegen sie, diese Frau, längst verschworen, es ist alles vorher ausgemacht. Sie
wurde doch allen Ernstes gefragt, ob sie, als schlechte Hausfrau, die sie
angeblich deshalb gewesen ist, weil sie immer nur Geige spielen wollte und
sogar Geld damit verdient hat, anstatt alleinig im Haushalt angekettet zu sein,
was, als Ketten empfinden Sie diesen schönsten Beruf, und noch dazu wissen Sie
nicht einmal, woraus dieser Haushalt überhaupt besteht, nein? Na dann! Dann
dürfen Sie sich über nichts wundern! Was Ihre Pflichten gewesen wären, nein?
Wenn Sie es jetzt wüßten, wäre es sowieso zu spät. Und was ist jetzt mit diesen
Pfannen? Kennen Sie die, haben Sie sie je richtig angesehn, kennen Sie ihre
teuren Namen, ihren Klang?, von Benutzung wollen wir gar nicht reden? Haben Sie
das vorhin überlesen, da ich unter Mühen etwas schilderte, von dem ich selbst
keine Ahnung habe, wie übrigens von den meisten Dingen? Haben nicht, also hätte
ich es nicht zu wiederholen brauchen, sehen Sie mir das bitte nach, dies hier
ist privat, da kann ich machen, was ich will. Also bitte, Autorin, strengen Sie
sich an, stellen Sie sich nicht so an, wer kennt sich denn da noch aus? Daß
diese Frau ihre Pflicht vernachlässigt hat, ist noch kein Grund, daß Sie jetzt
diese Zeilen so sträflich vernachlässigen! Jeder kennt sich hier aus, antworte
ich trotzig, denn ich sage doch alles mindestens zehnmal und meist sogar mit
denselben Worten. Irgendwann kriegen sogar Sie es mit, bevor Sie mich endgültig
abdrehn! Aber wenn Sie sich da auskennen, heißt das noch lange nicht, daß ein
andrer sich auskennen muß. Muß er ja nicht, er kann das alles wegschmeißen,
löschen, mit Karikaturen verzieren wie einst unser Bundeskanzler persönlich,
wenn auch nur am Rande, er muß ja nicht mal hier reinschauen, ist das nicht
fein? Er muß nicht reinschauen wie Brigitte K. in ihren Küchenschrank, wenn
auch nur am Rande. Hätte sie das nämlich genauer getan, hätte sie gewußt, wo
diese zwei Pfannen waren, die sie schon Jahre zuvor aus den Augen verloren
hatte – allein ihr späterer Schaden. Aber Sie werden keinen Schaden
davontragen, wenn Sie dies nicht lesen, allerdings werden Sie auch mir keinen
Schaden machen können, ha! Das ist die Hauptsache! Es ist vernebelt, was Frauen
wie ich tun, ich will es nicht noch weiter vernebeln, aber nebulös war es
schon, etwa dieses Scheidungsverfahren, bei dem die Frau in die Bratröhre
schauen mußte, da war doch noch was drin!, am Schluß dann, wer hat noch Zeit,
das abzuwarten. Dann haben Sie nicht gekocht und nicht gut genug für Ihren Mann
gesorgt, sagte der Richter, und es stimmt sogar, sie hatte nie so heiß gekocht,
wie dann gegessen wurde, die Suppe war immer lauwarm, weil sie nach dem Kochen
immer noch was Künstlerisches dringend für die Schule zu erledigen hatte,
anstatt die Suppe noch brennend auf den Tisch zu werfen, bumm, mit diesem
Hammerschlag sind Sie jetzt geschieden, mit diesem Sichelschwung reißen wir
Ihnen Ihr Herz heraus, und aus reiner Nettigkeit überläßt Ihr Mann Ihnen in der
Erzstadt ein Häuschen, das er von einer Tante geerbt hat und das dermaßen
heruntergekommen ist, daß nicht einmal die Tante, die mit 94 im Heim verstorben
ist, es noch wiedererkennen würde (hat sie allerdings schon seit ihrem 79.
nicht mehr!), aber da kommen eine neue Therme, ein neuer Anstrich, eine neue
Heizung hinein, aus reiner Güte Ihres Mannes, welcher ein Gütesiegel der
Austronorm, nicht als Astronom, nein, stimmt schon: Austronorm besitzt, und der
ja jetzt schon seit längerem eine neue Familie hat, um die er sich kümmern muß,
weil das neue Kind doch noch so klein ist, das herzige Butzerl, vielleicht
kommt ja noch eins, ja, ja, machen Sie sich nur zum wiederholten Mal darüber
lustig: Sie haben keins geboren, dieses Schandmal tragen Sie, da kann man
nichts machen, sogar dazu waren Sie nicht imstande mit Ihrem andauernden
Geigenspiel, welches Sie einem jeden Kind offenbar vorzogen: Lieber bis nach
Graz ins Konzert fahren, und die Lohnabrechnung bleibt liegen, das kennen wir
schon und so weiter und so fort, nie weit fort, die Endabrechnung wird Ihnen
schon noch präsentiert werden, und zwar genau jetzt und hier, mein Gott, was
könnte ich allein darüber noch alles schreiben, aber ich will nicht, ich sage,
ich will nicht mehr, aber wahrscheinlich kann ich nicht mehr und will es bloß
nicht zugeben, vielleicht muß ich aber, auch wenn ich gar nicht will, wenn das
am Ende nicht lang genug wird, daß sogar eine Ratte ermüden würde, wenn sie für
etwas Essen von einem Ende zum andern rennen müßte, Schluß, aus, für heute, wir
haben das alles schon gesagt, nur besser, und werden es vielleicht noch ein
paarmal sagen, nur schlechter, obwohl sie es nicht nötig gehabt hätte (zu
arbeiten, falls Sie den Faden verloren haben, den die Ratte nicht brauchen
wird, die orientiert sich nach was andrem, nach dem Sonnenstand, ach was,
meinetwegen gehen Sie vom Hochgebirge gegen das Hügelland hinaus, das werden
Sie aber nicht können, weil Sie sich dann am Außerfern, nein, am Innerfern,
also eigentlich am Gesäuse, nicht wahr, den Schädel aufschlagen werden wie ein
Ei), versuchen Sie einmal, von einem Gebirgszug in den andren zu übersiedeln,
sogar das wird noch leichter möglich sein, als von einem Haus in ein neues
umzusiedeln, Sie werden schon sehen, was für eine Schlepperei das ist. Der
Mann, der das alles verursachte, indem er entschlossen einfach einen Weg durch
offenes Land nahm, eine Landnahme, die nicht weiter schwierig war, denn sein
Angestellter hat seine Frau sofort freigegeben, als der Chef dies wünschte, der
Chef hat nämlich seinen Arbeitsplatz unter Kontrolle, den Arbeitsplatz seines
Angestellten, der Herr Chef hat, wie immer wieder betont, obwohl Sie es bereits
auswendig wissen und in Reime gießen könnten wie Spachtelmasse in Löcher, den
größten Elektrohandel in Bruck a. d. Mur, dieser jetzt Exmann, den Handel hat
er immer noch, und der Mann beschafft Ihnen jedes Gerät, jedes Haushaltsgerät,
das Sie sich in einem Katalog ausgesucht haben und noch dazu kaum teurer als im
Geiz-ist-Geil-Markt, und er nimmt seiner Exfrau dafür das Weiße aus dem Auge und
die Hörknöchelchen aus dem Ohr, Hammer, Amboß und den Steigbügelhalter sowieso,
der sie ihm einst war, den braucht er jetzt nicht mehr, den braucht ihm keiner
mehr zu halten, die Frau soll sehen, was sie an ihm, ihrem Elektrohändler,
Ihrem Partner in Energiefragen, gehabt hat, höher gings ja schon nicht mehr bei
dieser Hochnäsigen, die ist ungefähr so wie jener alpine Vorberg (nein, nicht
Vorarlberg!), welcher mit einem schönen Übergang gegen das flachere Land hin
ausläuft, und mir kommt echt vor, daß Brigitte K. einen ausgeronnenen Eindruck
macht, wenn überhaupt einen Eindruck, blaß, farblos, verwaschen, Worte, die Sie
aus der Werbung für Buntes kennen, aus dem die Farbe auszurinnen droht, aber
diese Worte wollen schließlich auch einmal drankommen, die sekkieren mich schon
so lang, die drängen mich die ganze Zeit zum Hochgebirge des Lebens hinüber,
auf das ich endlich rauf soll, weil ich dorthin gehöre, nein, entschiedenes
Nein!, das ist ein Vorhaben, das ich längst verworfen habe, so wie wir alle uns
von der Vorstellung ständigen Wachstums verabschieden sollten, außer wir wären
Bambusstauden oder andre schnellwachsende Sorten, das heißt, wachsen könnten
wir noch, falls die Altersstruktur, die wirtschaftliche Basis, die Skimarke und
das Aussehen dafür stimmen, bitte, eine Geige kann man stimmen, aber es stimmt
nie, wenn man ein Aussehen dazurechnet, stimmt die Rechnung nie, die
harmonischen Menschen stimmen zwar etwas an, aber fertig werden sie nie damit,
weil irgendetwas sie verstimmt hat, und das gilt auch für das Hochgebirge des
Lebens, das ich offensichtlich erklimmen soll, damit ich hier endlich bis zum
Ende glücklich leben kann, wo ich das Gebirge des Aufstiegs, ich meine den
Aufstieg aufs Gebirge in sonnige Höhen doch ausdrücklich hinter mir ließ, als
ich ausdrücklich darauf verzichten wollte, mich ordentlich ausdrücklich
auszudrücken, es war mir zu anstrengend, und so wird es bei mir auch in Zukunft
höchstens Tagesgäste mit Frühstücksanrecht geben, und damit ist niemals ein
Tourismus zustandezubringen, schließlich bin ich seine einzige wirtschaftliche
Säule, ha! So, und jetzt bin endlich auch ich verstimmt, weil mich keiner hier
mag. Ich habe mich auch nie darum bemüht. Etwas wie mich verstehen Sie unter
tragender Säule?, und auf mich würde ich nicht setzen und mich nicht setzen
(ich muß aber, denn: Ich bin ich, und wenn ich mich setze, dann nur auf mich).
Der Exmann Brigittes befindet sich genau dort, wo das Leben im Aufsteigen ist,
gemeinsam mit der lieben Sonne, die ihn scharf bescheint und über die Bäume
hinwegsieht, denn sie ist nachsichtiger als die Menschen, und der Mann, dieser
Frühere, der nicht im besten Einvernehmen geschieden wurde (er verwahrt in
sich, was er vom Richter vernommen hat, es war nur das Beste, es wurde ihm
empfohlen, wie er sein Sein und das seiner Ex auseinanderlegen sollte, was
nicht dasselbe ist wie die Auslegung des Seienden, es hat eher mit
Vernommenhaben, Kapierthaben und Sich-sofort-dagegen-Verwahren zu tun, auch
noch für seine Unterhaltungen, ich meine für eine inzwischen völlig Fremde
Unterhalt zahlen zu müssen), befindet sich in der dazugehörigen
Hochgebirgsform, die oft mit einem gewissen behäbigen Breitformat im TV Hand in
Hand geht, wenns einem nur gutgeht, den guten Eindruck, in Spachtelgips
(täuschend echte Naturholzfarbe, denn es ist Holzspachtelgips! Wenn Hund oder
Hacke etwas aus dem Holz herausfetzen, kann man es mit dieser Masse wieder
ausfüllen, falls man selbst so unausgefüllt ist, daß man nichts Besseres mit
seiner Zeit anzufangen weiß und auf Schönheit Wert legt) angefertigt, doch wie
fertigt man einen Eindruck an? Den braucht er doch für sein neues Leben, die
Verbindungen zu den Gemächtigen im Ort hat er noch aus dem alten mit seiner
alten Frau hinüberretten können, was heißt hier retten? Er ist gerettet, auch
dank einem Nachfolger, der ihm geboren wurde, nur die Frau ist es nicht:
gerettet. Nicht nur sie, viele sind nicht gerettet. Dafür hat er der das
Häuschen seiner Tante rein gnadenhalber renovieren lassen und seiner Exfrau zur
dauerhaften Verfügung gestellt, irgendwo mußte sie ja hin, ihren dürren
nutzlosen Hintern hinpflanzen, die alte Kuh, deren Hörner keiner in Richtung
Schlachtschußapparat dreht, weil sie nicht einmal den von alleine finden kann,
die schwarze Mündung des Todesrohrs immer scheuen würde, und so findet sie auch
nicht einmal den Tod, der muß sie extra suchen gehen; dort also hat er die Ex
abgestellt, wir haben sie auch schon gesucht, in dieses Häuschen hat er sie
gestopft, das Häuschen der Tante, welche ohne fremde Hilfe im Altersheim verstorben
ist, naja, der Tod findet jeden, Respekt!, der muß eine gute Witterung haben,
ich glaube, der fühlt sich bei jeder Witterung wohl, was für ein eigentümlicher
Reiz, daß man jederzeit sterben kann!, irgendwo muß ja auch die wie ein Mantel
abgelegte Gattin hin, dafür legt man schon mal was ab, man drückt was ab, nicht
viel, aber oho, und wäre es braune Scheiße, so eine wie sie ein Hund auf diesen
neuen Schuh hier von unten her gedrückt hat, ein in ganz Österreich reichlich
verfügbares Material, und auf dem Weg in eine Tourismusnation, die man sein
möchte, kann man alles brauchen, notfalls nimmt man es als Baumaterial, sogar
zehn Prozent Russen gehen da mit Leichtigkeit noch rein, wenn man sie und ihre
echten Fuchspelze im und am Anorak zusammenquetscht und dann ordentlich
auspreßt, vor allem in den Monaten, in denen ein Loch ist, ein Tourismusloch,
weil der Boden alle, die er genommen hat, bereits verdaut hat und nach mehr
schreit, nach neuer Nahrung. Wenn Sie mich fragen – wir haben noch viel zuwenig
Russen verbraucht! Aber wir einheimischen Menschen haben doch auch ein
Privatleben, selbst wenn wir nicht wegfahren können, und sehr viele Menschen
haben nur dieses und nur eins davon, das heißt, sie haben faktisch nichts
davon. Das ganze Stadtgebiet der Erzstadt ist, noch, verbaut mit
Arbeitersiedlungen, und dort würde sie nicht einmal begraben sein wollen, die
Geigenlehrerin, genau das wurde sie dann aber, lebend begraben, und zwar, wie
üblich, ganz allein, doch es gibt Schlimmeres: In den Arbeitersiedlungen dort
drüben, da waren früher die Leute auch lebend begraben, doch leider nicht
allein, sie waren zusammengespannt wie Tiere, um den ärgsten Wohnungsmangel zu
beheben – besser als die Baracke, der Arbeiterstall, wenn Sie mich fragen – und
wurden in und auf den Berg getrieben, diese Herde, die auf den Hang hinaufgeht
und den Hang wieder runtersteigt, in einem endlosen Strom strenger Ordnung, die
nur der Arbeit eigen ist, weil man sonst schlechter funktioniert als eine
Maschine, und dann kann man gleich die Maschine nehmen, dann lohnt es sich
nicht mehr, daß man leben darf, doch leben: das ist von der Erschöpfung, äh,
der Schöpfung so vorgesehen!, schauen Sie, das ist wie mit der Arbeiterbank,
wenn die sich in fünf Jahren nicht lohnt, fliegt auch sie, da machen wir keine
Unterschiede, erst fliegen schon mal, mitsamt ihren Sparkonten, die Kubaner
unter uns, Moment, die sind doch schon wieder drinnen, oder?, na schön, aber
dafür fliegen die Iraner unter uns, die Iraker unter uns, die Syrer unter uns,
die Manichäer unter uns, die Sadduzäer unter uns, der Rest unter uns fliegt
auch raus, meinetwegen auch die Händler im Tempel, fliegen auch raus, von dem
es (vom Tempel), obwohl manche etwas anderes behaupten, keine Reste gibt,
leider, dafür sind unsere Reste aber immer noch da, weil sie Amerika in seiner
Größe auf diesem kleinen Arbeiterbankerl BAWAG, bewacht von Cerberus, dem
netten Wuffi, hier unter uns natürlich nicht dulden kann, nein, das kann es
nicht, dieses große Land, das fürs Dulden nun mal nicht geschaffen wurde. Wie
gut, daß der Cerberus jetzt da ist, wer sollte sonst das Blut der armen
Arbeiter, die es vergossen haben, vom Boden aufschlecken und seine Nahrung mit
diesem Zusatzstoff bereichern? Ich sehe die Vergangenheit, im Vergleich mit der
Gegenwart, viel zu negativ, die Gegenwart sehe ich inzwischen aber leider auch
sehr negativ. Entschuldigen Sie vielmals! Aber ich kann nicht anders. Diese
Lehrerin wieder ist doch eine, die Verbindungen, meinetwegen zur Kunst, schuf
und ihre eigene wider Willen dann wieder auflösen mußte, seien wir ehrlich.
Nein. Alles erfunden. Zu oft hat sich diese Frau, noch in den goldenen Tagen
von Bruck, als sie stolz und ohne die skeptische Sichtweise der Nachbarn zu
beachten, mit der Geige schlenkernd, sich selbst hoch aufgerichtet neben ihrer
Geige hertragend, das schöne, breit und behäbig angelegte Altstadthaus verließ,
(unten das Geschäft mit den hübschen Geräten, oben die Wohnung mit den hübschen
Möbeln, damit wir uns sogar in der Küche, und zwar auf dem Boden, von dem man essen
kann, noch wohlfühlen), zu oft also hat sie sich ihrem schlichten, wenn auch
recht wohlhabenden (allerdings nicht sehr ansehnlichen, aber alles kann man
schließlich nicht haben) Mann geistig (wie ein im Banne gehaltenes Kind, das
sich selbst bannt und damit seine Angst) überlegen gefühlt, über ihn erhaben
wie der Gipfel über den Berg, weil an jedem Berg eben nur der Gipfel
interessiert, und zwar, um ihn zu überwinden, und das rächt sich jetzt, weil
sich grundsätzlich alles rächt, auf das man runterschaut, sowas aber ganz
bestimmt, denn man soll sich keinem Menschen überlegen fühlen, bloß weil der
unmusikalisch ist und man selbst die Musik bis in die letzten Hautfalten
eingesogen hat, als die noch zusätzlich mit einer ur- echten Substanz namens
Muttermilch, einer eindeutigen Wohlfühl-und-Wellness-Substanz, geschmiert
wurden, was wollte ich eigentlich sagen? Ich weiß es nicht mehr, ich wollte
wahrscheinlich sagen, daß diese Frau sich ihrem Mann immer ein wenig überlegen
gefühlt hat, aber das habe ich eh schon genauso und nicht anders gesagt,
vielleicht sollte ich es noch einmal sagen, aber anders, vielleicht der Frau
anstatt einer Geige einen Pfeil zu ihrem Bogen geben? Nein, auch nicht, und
wenn, dann sollte ich es hier nicht sagen, aber ich muß immer alles sagen und
viel zu oft, das ist meine Krankheit, doch die tut niemandem weh, und außerdem
gehört hier eh alles mir, wie fahren wir fort, um endlich von mir wegzukommen?
Fahren wir überhaupt? Wer war die Frau, die mit mir in der Eisenbahn fuhr, und
dann in einer Zeitung beschrieb, wie mir die Wurstblätter aus dem Mund hingen
wie die Wedel einer verwachsenen Palme? Inzwischen weiß ich es. Gestern erst
habe ich sie wiedergesehen, in einer weit aufklaffenden
Gesellschaftsklatsch-Spaltensendung, da ihr Kaviar aus dem Mund fiel vor
Schreck, daß sie einen bedeutenden Menschen in aller Öffentlichkeit heiraten
mußte, na ja, vielleicht nicht mußte, sondern eher: durfte. Nun, da muß sie
sich endlich nicht mehr mit mir und meiner armen Semmelseele und meinen
armseligen Semmelempfindungen befassen und hat wichtigere Themen gefunden, die
mehr Spaß machen und von besserer Herkunft und Zukunft sind als ich. Mit der
Muttermilch habe ich zwar nicht die Wurstsemmel, haben allerdings wir
Österreicher – ich meine das ausschließlich in gesellschaftlicher Hinsicht –
die Musik bereits aufgesogen, die Flasche ist nun leer, sogar in Salzburg ist
sie geleert, dort besonders weit und tief geleert, was kommt als nächstes?
Etwas anderes, das uns total abhandengekommen ist, und durch Spaß, Spaß, Spaß
ersetzt wurde, den wir nicht aus der Herkunft, sondern für die Hinkunft
brauchen, um ein schönes Leben als Wichtige und Wichtigtuer zu haben, und
vielleicht ist das ein Ausweg aus diesem Satz von mir, der etwas
zusammenzwingen will, das nicht zusammengehört, wie Deutschland früher, also
Deutschland hat heute sicher zwei Enden, weil das erste und das zweite Ende ja
schiefgegangen sind, nur: wo sind die inzwischen?, diese Enden, und Tod: Wo ist
dein Stachel? Das fällt mir jetzt auch noch ein. Ich sollte nicht immer alles
sagen, was mir einfällt. Das ist schlecht für meine Kunst. Schauen Sie: Soviel
fällt mir ja nicht ein, und so muß ich halt alles verwerten, egal was. Nun, ich
weiß jetzt nicht weiter, gebe ich zu, doch ich weiß, wir nannten bereits öfter
dieses berühmte Allheilmittel gegen Trockenfäule und allg. Faulheit: Die Musik
also hat diese Frau in sich eindringen lassen, wir rufen jetzt die Polizei,
wenn hier nicht endlich was weitergeht, vielleicht gehts ja nach innen?, was
auch immer, ja, genau, nach innen geht es, damit die Menschen sich und mich
verstehen lernen, doch vergebens dringt und drängt die Musik in unsere Ohren,
manche Eindringlinge ins Ohr sind in Weiß, andre, wie meiner, in Schwarz, das
ist definitiv ein Ohrenschlüpfer, so, die Polizei fährt auch unbefugt, ich
meine ohne Befugnisse, wieder weg, denn dieses Eindringen war ja auch kein
unbefugtes, für den Fugengips war der Mann zuständig, der jedoch untätig blieb,
ich weiß nicht wieso, noch einmal, nur unverzagt: Eindringende Musik, die rächt
sich leider nur allzu oft, noch dazu am Falschen, der gar nichts dafür kann und
nichts dagegen getan hat, allerdings auch nichts dafür. Er hat nur die Ohren,
wie jeden Tag, für den iPod aufgesperrt. Manchmal glaube ich, an das Herz der
Menschen dringt, außer dem Gejammere seiner Mitmenschen, nur noch Musik, jeder
hat sie, jeder will sie, jeder braucht sie, einer in bewundernswerter
Trockenheit, andre wollen sie eher mit Trockenfäule behaftet. Diese Frau nicht.
Diese Frau, nicht faul, macht selber ihre Musik, sowas findet man nicht oft,
vor allem so eine Musik, die sie macht, findet man heute doch nur noch von
Profis dargeboten. Laien mögen durch die Nacht wandern und auf der Okarina
pfeifen wie der Hirt auf dem Felsen, aber wir Profis, ach, ich weiß auch nicht,
was wir machen sollen. Ich weiß es im Moment nicht. Ach ja, Musik, du
Blaubartzimmer, zu dem jeder den Schlüssel hat, wirklich jeder! Denn es ist
nichts dahinter. Hochmut kommt vor dem Fall, Mut allein kommt leider oft gar
nicht. Gleichgültigkeit ist schon da, das ist die größte Sünde, nicht der Neid,
nein, nein, die Trägheit, dieser Unterkunftsplatz, von meinem Standpunkt aus
immer rechts gelegen, aber aus Bequemlichkeit gehe ich nie dorthin und bleibe
links von der Mitte wie angenagelt stehen. Ich glaube, das Rechte zu tun, aber
ich tue gar nichts. Ich klopfe an, aber das Herein warte ich nicht ab, sondern
gehe wieder. Ich habe schon Menschen ermordet, indem ich gar nichts getan habe,
ich habe sie in Heime und Spitäler und Irrenhäuser verfrachten lassen, obwohl
sie gar nichts getan hatten, jedenfalls mir nichts und dir auch nichts, gar
nicht sehr krank waren und sich schrecklich gefürchtet haben. Vielleicht muß
ich mich deswegen heute so fürchten, und zwar vor allem und jedem? Das wäre eine
furchtbare Strafe, könnte ich bitte eine etwas weniger schlimme bekommen? Die
wäre ja längst vorbei! Sogar Gefängnis wäre schon vorbei. Wie lange soll ich
denn noch büßen, bevor ich den hellen Ruf des Lebens hören darf? Sie, ja, Sie
meine ich, haben vielleicht auch jemanden umgebracht, nur wissen Sie es nicht
mehr. Und wüßten Sie es, es würde Sie nicht bekümmern, jedenfalls nicht so wie
mich meine Verfehlungen gegenüber Menschen bekümmern. Die gegen mich allerdings
noch mehr. So wie ich dürfen Sie es jedenfalls nicht machen. Sie dürfen andre
nicht so beleidigen! Sie dürfen Beleidigungen gegen sich nicht dulden! Sie
müssen Ihren Müll wegräumen, sonst ruft ein Nachbar irgendwo an, keine Ahnung,
wo, muß mir die Nummer selber erst raussuchen! Sie dürfen nicht ewig mit einem
vergewaltigten, geöffneten Draht-Kleiderbügel nach tiefgelegten Fäkalien
suchen, weil das Klo verstopft ist, Sie müssen eben suchen, bis Sie sie endlich
sehen, diese menschlichen Hinterlassenschaften, nur um mit den Scheißepatzen
dann um sich werfen zu können! Wenn Sie ein Verbrechen an einem anderen
Menschen vollbracht haben: Stehen Sie wenigstens dazu! Gestehen Sie! Ich stehe
drauf, daß ich hier und jetzt dazu stehe, doch es hat keine Folgen für mich,
das ist ja das Gute dran. Es ist folgenlos, sonst wäre ich doch nie
draufgestiegen. Meine Verbrechen haben mir nur Gutes gebracht, fast bis
zuletzt, da sie mir leider doch auf den Kopf fielen, nein, nicht auf den Kopf,
direkt in mein Innerstes, und nur so kann ich sie leichten Herzens bedauern, denn
sie haben mir im Grunde mein Leben unterm Strich sehr erleichtert, für lange
Zeit, nein, für immer nicht, wie ich jetzt sehe. Und den Verbrechern gegen mich
haben ihre Verbrechen nichts gebracht als das Grab, wenn auch reichlich spät
(etliche sind sogar noch draußen und laufen frei herum). Zu spät für mich, zu
früh für sie. Mama, ja, du bist gemeint, keine Ahnung, wieso du schon wieder,
du bist doch endlich tot! Nichts wie weg hier, die kommt sonst zurück, Sie
haben leicht reden, Sie, die Ihre liebe Mama nach Jahren des Todes immer noch
wiedersehen wollen, aber Sie haben meine nicht gekannt, die würden Sie nicht
wiedersehen, die würden Sie nicht einmal gehabt haben wollen! Weiter! Erzählen!
Kann nicht, wie oft soll ich es denn noch sagen, das ist zwar mein
Hauptgeschäft, mein Flagship Store, aber ich kann nicht, vielleicht wenn ich in
die Filiale im Außenbezirk ginge, wo man nicht so auf mich achten würde?
Vielleicht könnte ich in der Filiale in der Schuhnummer und Größenordnung
erzählen, die im Stammhaus, nein, nicht in Stammheim, längst ausverkauft ist?
Kaum hat diese Geigenlehrerin also das Haus verlassen, um sich mit ihren
Schülern selbst zu verwirklichen, was man muß, sonst wäre man ein Gespenst,
kaum hat sie also ihre Selbstverwirklichung in die linke und den Bogen in die
richtige Hand genommen, hat sie auch schon, ohne noch zu ahnen, daß sie das
Haus hinter sich für eine andre sperrangelweit offenließ, alles verwirkt, was
ihr Unterkunft und Taschengeld gewährte, die Unterkunft ziemlich komfortabel, das
Taschengeld mehr als ausreichend (grade der Komfort ist es leider, der uns
gleichgültig gegen andre werden läßt, deren sanitäre Anlagen ebenso kaputt sind
und die, mitsamt ihren Tieren, auf den Boden machen müssen, aber schau!, schon
fällt Licht ins Dunkel, ist da jemand? Und Sie können alles wieder ausbügeln,
aber natürlich an andren, die Sie nicht kennen, denn würden die Sie kennen,
würden sie Ihr Geschenk entsetzt zurückweisen und lieber Schlamm aus der Pfütze
lecken, nein, das stimmt nicht, Sie machen es eh richtig, und ich mache es
falsch, wie immer, denn ich spende nicht, ich bin in dieser Hinsicht böse, eine
Art Wirtschaftsgebäude, das selber
nicht bewirtschaftet wird, obwohl es dafür vorgesehen wäre), kaum also hat die
Lehrerin das Haus verlassen (wo bin ich hier eigentlich? Ach ja, im Früher bin
ich, aber wollte ich erzählen, müßte ich irgendwie ins Später kommen, was mir
sehr schwerfällt, jeder wird Ihnen bestätigen, daß ich immer eher zu früh als
zu spät komme), sind ihr Mann und seine junge Angestellte auch schon unter
einem billigen Vorwand in die höheren Regionen des Hauses abgetaucht, ich meine
aufgetaucht, in den ersten Stock, den Vorwand haben sie dagelassen, einen
Vorwand haben sie vorgeschoben, damit sie keiner sieht, einen Vorwand, den keiner
der Angestellten gebilligt und den der Mann gar nicht gebraucht hätte, die
Gattin war ja aus dem Haus, und Kinder waren keine vorhanden, kein Problem die
Scheidung, aber natürlich hat die Belegschaft verstanden, daß man selber einmal
Belegschaft sein möchte, möglichst mit etwas Knackigerem, Jüngeren, wie meinem
lieben Semmerl z. B., das jene hobbyschreibende Dame im Eisenbahnzug beschrieb,
das sie festhielt in dem Moment, da es mir grad verzweifelt aus dem Munde zu
springen versuchte, und dem Semmerl selbst hing die Wurst auch schon zum Hals
heraus, ja, das Gurkerl auch, ich spreche an dieser Stelle aber von einer
anderen Belegschaft, einer Buhlschaft, die mit dem Herrn Chef belegt ist, hier
ist besetzt, von außen können Sie diese Tür nicht aufsperren, nur von innen,
aber besser, Sie rennen gleich offene Türen ein, bei dieser Frau hat es
funktioniert, Sie aber werden sich möglicherweise dabei eine entsetzliche
Verletzung im Gesicht zuziehen, und dann erkennt Sie keiner mehr, es ist, als
wären Sie ein Geist, was wollte ich sagen, naja, der Mann hat diesen Platz, der
allerdings noch gar nicht frei war, mit sich belegt, nicht mit seiner Kleidung
oder einer Zeitung oder einem Handtuch, er hat gleich sich selbst dafür
genommen, es war keine Zeit zu verlieren, denn die Sekretärin war mehr als
fünfzehn Jahre jünger als er, da sind die beiden, Herr und Magd, also im oberen
Stockwerk verschwunden, vorhin waren sie noch da, nein, verschwunden kann man
nicht sagen, jeder wußte ja, wo sie waren, und haben sich, wie soll ich sagen,
wie sagte es noch keiner?, ineinander an den dafür vorgesehenen Stellen
verhakt, ihre Zulänglichkeiten gegenseitig zudringlich erforscht und für zu
kurz befunden, nein, für zu lang, nein, eher für mittel, wie üblich, also wir
müssen für unser Hakensortiment unbedingt etwas nachbestellen. Ja, das müssen
wir, wenn wir die Lust kennenlernen wollen, am besten, wir kaufen uns ein Abo
dafür, wir können sie aber auch im Internet studieren, ich gebe Ihnen hier
keine Adresse, die finden Sie selber schneller heraus. Was will ich damit
sagen, das ich nicht mehr sagen kann, früher konnte ich es, glaub ich
zumindest, ja, ja, riskieren Sie ruhig einen vergleichenden Blick auf die
Größenordnungen und die Qualität der Veränderungsprozesse an und in Geschlechtsorganen,
die könne sich unter der Schmiere der Lust ganz schön verändern, auch
äußerlich, sie werden irgendwie, wie soll ich sagen: größer, und sie geben es
gern zu, zeigen es gerne her, und sie fühlen sich wohl dabei, ihre Besitzer
auch, alles klar, also klar, daß es die beiden miteinander getrieben haben,
Chef und junge Angestellte, und klar, daß hier irgendwann einmal
Problemdimensionen vorgelegen sind und die rechtmäßige, recht, allerdings nicht
fürs Leben, sondern für die Musik begabte ältere Frau, der es nichts mehr
nützt, Recht zu haben, es erfahren hat, besonders angestrengt hat sich niemand,
das alles vor ihr zu verbergen. Ach, wie schön könnte man das sagen, könnte man
es denn! Ich kann es nicht. Menschen, die sich überlegen fühlen, gehen den anderen
leicht auf die Nerven, fahren dort herum auf den vereisten und endlich
aufgetauten Nervenenden, gut, die funktionieren wieder, wurde auch Zeit, und
werden in ihr Unglück hineingeschoben, indem man sie aus der eigenen
Wahrnehmung rausschiebt wie ein Möbelstück. Das können Sie jederzeit selber
ausprobieren, falls Sie Ihren Schrank jetzt diese drei Stockwerke
runterkriegen. Es ist hier nicht so, daß sowas toleriert wird. Außer einem
Pantscherl mit der Sekretärin wird hier nichts toleriert, vielleicht noch die
Tourismusidee, denn sie brächte Veränderung, vielleicht noch
Steuerhinterziehung, na sicher, immer, aber die muß nicht einmal toleriert
werden, die macht jeder, die ist das Gegenteil von Veränderung, sie ist
Realität, wenn ein andrer Elektriker, ein andrer Kachelleger, ein andrer
Installateur in der Früh im Baumarkt stehn und das Material für ihren Pfusch
einkaufen, der jedem von ihnen bereits eine ziemlich gebrauchte, aber noch
fahrtüchtige 8–m–Jacht (was weiß ich, wie lang die Dinger sind) im Mittelmeer
eingetragen hat, die sie ja auch dringend gebraucht haben, und manchem von
ihnen eine Skihütte in der Schweiz, wenn auch nicht in deren teurem Teil.
Tausende Menschen wollen auch leben, nicht nur Sie. Wenn Sie auch leben wollen,
fahren Sie in ein Kurinstitut und lassen Sie weniger aus sich machen! Das ist
hier so, daß die Menschen leben wollen, nachdem sie so viele Leben ausradiert
haben, es kann aber auch einen ganz anderen Grund haben, ich weiß es nicht
genau, aber ich rücke dennoch stückweise damit heraus, damit ich die Zeilen
schinden kann, bis sie schreien, wer wollte es mir verwehren?, denn das ist die
Abmachung mit mir selbst: keinen Augenblick Pause beim Schreiben, entweder ganz
und gar nicht schreiben oder wenn, dann mit keinem Augenblick Pause dazwischen,
nein, auch nicht fürs Leben, das Leben brauche ich nicht, ich wüßte ja gar
nicht, was das ist, und ich fühle mich ja selber noch viel mehr geschunden vom
Leben, das sicher gar keins ist und je gewesen ist, denn es ist so anders als
alle anderen Leben, die ich im TV sehe, und daher schinde ich jetzt einmal Sie,
o je, leider kann ich es nicht, hab mich überschätzt, Sie haben sich längst
ausgeklinkt, das ist nur ein Klick mit dem Zeigefinger, mehr nicht, es gefällt
mir so, daß Sie sich so leicht von mir trennen lassen, von meinem billigen
Internetplattform-Plattenvorbau, tja, leider ist meine Form eher platt, denn
viel habe ich dort nicht, dort oben, nein, nicht im Oberstübchen, so hoch oben
denn auch wieder nicht, allerdings habe ich mehr als andre vielleicht immer
noch, Korbgröße B, obwohl mein Niedergang beschlossene Sache ist, nur ich wurde
noch nicht von ihm verständigt, also, ich habe schon mehr verloren als andre
überhaupt gehabt haben, nein, ich habe gar nichts, und die anderen haben alles,
und daher beneide ich sie so sehr, das ist es, auf den Punkt gebracht, nein,
sogar auf den Doppelpunkt: Da ist diese Raumnot, welche die Natur geschaffen
hat, wenn auch nicht in oder an meinem Brustkasten, da ist noch genügend Raum
vorhanden, so einen Kasten werden Sie nicht oft finden, eine Geige geht zwar
nicht hinein, der Geigenkasten noch weniger, aber sonst geht er, dieser Kasten,
meine ich den auch wirklich?, wenn auch nicht von allein. Wir haben hier keine
billigen Plattenbauten von Menschen, solche von solch geringer Qualität, daß
sie Qualen leiden müßten, in sich selber zu hausen, sowas wie dieser Bau wird
heute nicht mehr hergestellt bzw. schon wieder, genau!, ich sehe es mit
Staunen, schon wieder, denn es ist billig und gut und praktisch, nein, mein
Körper ist nur plattenbauähnlich, das heißt, daß jeder Mensch, hat er ihn
einmal betreten, und das auch noch beim falschen Ende, ihn sofort bei
entsprechender Gelegenheit geradezu massenfluchtartig wieder verlassen würde.
Recht hätte er. Jeder Mensch ist ja mehr wert als ein einzelner, er fühlt sich
zu vielen, wenn er einmal kommt und geht. Und er würde dann in einen Neubau mit
besseren Formen einziehen, falls er einen fände, der noch dazu meine
Umgangsformen hätte, ja, das wäre nicht schlecht. Dann würde er die Hände
flehend erheben, daß man ihm den Schlüssel runterwirft, während die arme
Brigitte K. irgendwann mal einen Violinschlüssel gefunden hat und seither
glaubt, mit dem kommt sie überall rein. Mein plötzlicher Zusammenbruch, der
Zusammenbruch meiner tragenden Wirtschaftsstruktur und meines tragenden BHs,
den ich aber nicht trage, er soll ja mich, zumindest teilweise, tragen, und
will das nicht, wie sollte er auch wollen, ich besitze ja gar keinen BH, dieser
Zusammenbruch des Tragenden in und an mir ist längst erfolgt, deswegen will ich
mich hier ja erklären, kann es aber nicht, hören Sie mir trotzdem zu!, und auch
die nachfolgende Depression hat bereits stattgefunden und auch schon wieder
aufgehört, es folgt die nächste, die folgt mir brav, weil ich sie nicht will,
aber dafür will sie anscheinend mich. Wer bleibt sonst schon bei jemandem, der
ihn nicht will? Die Depression, die dickfellige, hartnäckige Gefährtin, die
bleibt natürlich. Lieber würde ich mir die nette Dame aus dem Abteil der
Eisenbahn wieder einladen, die in der Süddeutschen Zeitung von mir und meiner
interessant und vielfältig belegten Wurstsemmel schrieb, aber die hat jetzt
diesen berühmten Verleger geheiratet, nein, ich sage jetzt nicht, welchen: Die
hat einen wichtigen Austro-Mechaniker, der ein Mensch ist, geheiratet, nein,
doch keinen Automechaniker, einen Verleger, während ich immer noch verlegen im
Raum herumstehe und nicht gezündet werde, um abzuheben, nein, Schluß!, die hat
diesen netten Mann geheiratet und wird jetzt gewiß selber großzügig verlegt. Zu
so drastischen Mitteln müssen manche Menschen greifen, bis jemand ihre
Erwartungen weckt, ihnen dann aber sofort mit einem Hammer auf den Kopf haut,
obwohl diese fesche, elegante Dame sicher selber ein Hammer ist, wow, das hab
ich gleich gemerkt. Ich sehe Ähnlichkeiten mit dieser Erzstadt, nein,
ausnahmsweise nicht mit dieser schreibenden Dame, die, ohne abgehoben zu haben,
mindestens einmal, und ich weiß ja nur von diesem einen Mal, gleich in der
Süddeutschen Zeitung gelandet ist, zwar knapp daneben, aber das ist ja auch
daneben, die liegt bei uns dauernd am Fußbden, weil der Briefträger das Loch
nicht findet; ich vergleiche mich lieber unbescheiden mit einer ganzen Stadt,
nein, nicht mit München, ich sehe die Ähnlichkeiten ganz deutlich, aber jetzt
weiß ich nicht mehr, welche Ähnlichkeiten, ich behaupte aber, daß ich sie sehe,
obwohl ich sie noch nie gesehen habe, das werde ich aber jetzt nachholen, das
sieht mir ähnlich!, also: Die Stadt muß sich in ein schmales, längliches Tal zwischen
den Eisenalpen, die links und rechts mit seitlich steil aufragenden Klippen,
nein, Berghängen einzwicken, hineinzwängen, also faktisch zwischen sich und sich,
so stelle ich mir
das vor. Ich kenne das, bin ja auch zwischen mir und mir eingeklemmt und komm
von mir nicht weg! Dies war bereits die erste Ähnlichkeit, weitere sollen
folgen. Das ist ein Schock, wenn man es merkt, manche merken es ja gar nicht
und gehen abends aus, um von sich endlich wegzukommen, nur wissen sie das
nicht. Und sie glauben, daß sie das können. Ich allein habe es bemerkt, was
auch immer, daß das Gehen nicht geht und das Kommen nicht kommt; ich bin jetzt
alt, im Herbst meines Lebens, wie eine Freundin mir neulich versicherte, nein,
nicht die schreibsame Dame aus dem Zugabteil, die in aller Ruhe auf meine arme
Wegzehrung und meinen Krimi gespechtelt hat, mich ausgespäht hat, die ist
leider nicht meine Freundin, obwohl es besser für mich gewesen wäre, sie mir
rechtzeitig zur Freundin gemacht zu haben, nur gemach!, ich meine eine andre,
eine richtige, langjährige Freundin hat mich versichert, nein, mir versichert,
als ich angab, gar nicht gemerkt zu haben, in diese Jahreszeit eingetreten zu
sein, den Herbst des Lebens, ja, das hat sie mir telephonisch am Festnetz
versichert, und daher stimmt es, es war im Festnetz, dran war nicht zu rütteln,
da hat sie vom Herbst des Lebens gesprochen, einer Jahreszeit, hinter der sich
nicht mehr viel befindet, und daß ich immer noch an die Tür des Lebens pumpere,
völlig sinnlos, das kann ich nicht leugnen, ich habe es soeben, vorhin erst,
bemerkt, als meine Faust auf der anderen Seite wieder herauskam, ohne meinen
Körper, der war und ist derzeit noch hier bei mir, ich spüre ihn, gut für mich,
er ist noch da, doch Sie wissen schon
viel länger, daß ich zu unattraktiv für den Fremdenverkehr geworden bin und für
den eigenen ebenfalls, ich tauge höchstens noch als Abwäscherin der
Geschichtsfolgen, an der Rezeption z. B. duldet man mich nicht, wo der
inzwischen rechtmäßig verstorbene Multimilliardär seine Frau kennengelernt hat
und der Verleger die Seine, nein, nicht den Fluß, er hat sie sich aus einem
Zugsabteil geholt und sie inzwischen zur werdenden Mutter gemacht oder auch
nicht, keine Ahnung, hoffentlich nicht, aus Altersgründen, ich hasse Mütter,
sehe aber ein, daß sie nötig sind, auch ich hätte dort vielleicht meine Chance
gehabt, in der Mutterschaft? Nein, dort nicht, und ich hatte sie ja auch, denn
ich habe dort im Zug genau diese nette Dame kennengelernt, die über mich laut,
aber nicht lauter, in der seit langem weltberühmten Süddeutschen Zeitung
geschrieben hat, und leider, nein, vielleicht zum Glück kenne ich sie jetzt
nicht mehr, die Frau, die Zeitung kenne ich schon noch, lese sie aber nicht,
keine Chance, sie noch zu treffen, die Frau, nicht die Zeitung, die es eher
drauf angelegt hat, mich zu treffen, au!, das hat gesessen!, diese Frau,
schreib das auf, Frau!, das hat die entschieden beherzigt, bevor sie ihr
Austro-Herzilein traf und nie wieder einsam sein mußte, nein, ihr Herzilein muß
sie schon davor gekannt haben, die beiden werde ich nicht mehr treffen, hoffe
ich zumindest, ein Glück, denn ich bewege mich nicht in Verlegerkreisen,
höchstens in Verlegenheitskreisen, bitte um Entschuldigung, aber ich habe hier
doch eigens meinen eigenen einspurigen Verlag gegründet, nur für mich allein,
kein Gegenverkehr, trotzdem: keine Chance! Vielleicht weil ich solche Menschen
ablehne? Nicht die Verleger, die auch, sondern vielmehr ihre Gattinnen?,
geschieht mir recht, daß ich keinen Verleger, ich meine daß ich keine Zukunft
mehr habe, was habe ich sie auch immer so düster ausgemalt, die Zukunft – meine
einzige Chance, jetzt habe ich keine mehr, jetzt muß ich das alles wegputzen,
weil ich für sonstwas nichts mehr tauge (und auf das Oho, auf das Sonstwas würde
es doch ankommen!), auch für den eigenen im Grunde, macht ja nichts, denn ich
plane einen fundamentalen Umbruch in mir selbst. Ich plane, selber vollständig
zu verschwinden, na, wenn das kein Umbruch ist, dann weiß ich nicht! Ich habe
meine eigenen Zyklen, solang ich noch welche hatte, als langfristige
Investition in mich selbst betrachtet, in meine Wirtschafts- und
Bevölkerungsentwicklung, doch da hat sich leider nichts entwickelt, und auch
zur Bevölkerungsexplosion, die es gar nicht gibt, und, gäbe es sie, gäbe es sie
schon gar nicht meinetwegen, na, meinetwegen soll es sie halt geben, aber es
gibt sie nicht, habe ich nichts beigetragen, daher findet diese nicht statt,
bei keinem Wetter, und daraus folgte unweigerlich eine erbitterte Siedlungs-
und Wohnbautätigkeit, und daraus folgte ein erbittertes Betteln um
Wohnbaukredite. Wenn Häuser da sind, werden sich schon Menschen dafür finden.
Aber was mich betrifft, ist auch diese Tätigkeit, die Aufbauphase (und jede
Aufbauphase in diesem Land hat mit den Nazis begonnen, zum Glück aber nicht mit
ihnen geendet, schaut nicht so blöd, ihr Hermann-Göring-Werke, ihr heißt schon
längst nicht mehr so, ihr braucht gar nicht so zu glotzen! Wenn man euch so
ruft, müßt ihr einfach nicht drauf hören. Und auf mich sowieso nicht), längst
beendet, doch was Brigitte betrifft, hat sie sich dem inzwischen recht langen
Zug der schrumpfenden Städte angeschlossen, indem ihr die Haut, wie mir
übrigens auch, was für ein seltsamer Zufall!, zu weit wurde und sich in einen
Schrumpfungsprozeß, nein, eher einen Erweiterungsprozeß begab, während darunter
die Substanz, der Körper, das Wesentliche, zu schrumpfen schien, nicht schien,
da glänzt nichts mehr, da scheint nichts mehr, oh, ist diese Haut etwa etwas zu
groß für mich? Zu dünn? Zu faltig? Zu grobporig? Ist diese Stadt zu groß für
die darunterliegenden Menschen? Ja, kann ich da nur antworten. Was hilft? Ein
Historikhotel hilft vielleicht? Nein, es hilft nichts. Man könnte die
architektonisch und historisch interessanten Objekte in dieser Stadt
zusammenschließen, wie es die Hauptstadt schon lange macht, die heuchlerisch
vorgibt, überhaupt nur aus solchen Objekten zu bestehen, um die lieben Gäste
davon abzuhalten, jemals ihren 15. Gemeindebezirk zu besuchen, ja, also, man
könnte die Gebäude, die historischen Wert haben, zusammenschließen, wenn man
sie nur dazu bewegen könnte, sich zu bewegen und sich für ein Foto und für die
Fremden zusammenzustellen, und dann machen wir aus alldem ein Hotel, und dann
erhöhen wir den Standard des Hotels, bis er ein hoher geworden ist, ein
internationaler. Man bräuchte ja gar kein neues Hotel zu bauen, man hätte schon
eins, da die Häuser ja vorhanden sind, die muß man demnach nur noch
zusammenschieben, und außerdem würden dann die vielen leeren trostlosen Ladenlokale
(die Gegenstücke zu dem schmucken Elektro-Laden in Bruck, sozusagen deren
Negative) endlich verschwinden, diese leeren Augenhöhlen der Häuser in deren
schlampig gesäumten Erdgeschossen, die müßten dann sowieso nichts mehr sehen,
denn sie wären ein Hotel und dürften beständig Innenschau halten, ihre Fehler
verbergen und wohlhabende Fremde anschauen, die nur Fehler haben, vor allem die
besagten Russen, und hätten Abwechslung und müßten nicht mehr so blind sein zu
übersehen, daß man in sich investieren muß. Schauen Sie! Sehen Sie diesen oder
jenen inneren Wert, den diese Stadt der Unschuld sich vom Marathonlauf der
Geschichte an Werbeträgern gekauft hat, die Stadt, dieses zusammenhängende
Ganze, dessen Straßen dazumal mit Zahnbürsten gewaschen wurden, nein, diese
Straße nicht, aber eine oder die andre andere schon, sodaß sie heute noch
funkeln, Handarbeit!, eigens für Sie! Sonst verpaß ich ihnen persönlich eine
Brille, wenn Sie das nicht sehen. Mit der können die hohlen Scheiben, ich meine
die leeren Augen der Fenster den Ideenwettbewerb begutachten, den wir
ausgeschrieben und dann vollgeschmiert haben, danke für das Zukunftsszenario,
es ist sehr schön, echt, aber ich brauche es nicht, das Vergangenheitsszenario
genügt mir schon und wird mir für alle Zeiten, die ich habe (leider sehr kurz!
Würde gern, ich sage es immer wieder, länger klagen und anklagen!), genügen,
denn ich persönlich habe keine Zukunft mehr und beneide alle, die noch eine
haben. Auch die Stadt hat vielleicht noch eine zweite vorrätig, wer weiß. Doch,
doch, hat sie. Die wird länger halten als ich. Ich weiß es gewiß. Sie hofft
möglicherweise, Modellcharakter für andre sterbende Regionen und Städte zu
erhalten, was mit dem Erhalt von Bundesmitteln verbunden werden müßte, denn
diesen Bevölkerungsrückgang verzeichnet nicht nur die Erzstadt, den verzeichnen
viele, die ich hier verzeichne und die auch was wollen, die verzeichnet sein
wollen, wenn auch nicht unbedingt bei mir, ich verzeichne dennoch, verzerre,
verzahne, wie es meine Art ist, verzeihen Sie, Sie Stadt Sie, Sie haben mir
nichts getan, aber ich habe nun einmal Sie erwählt, um Hoffnungslosigkeit im
allgemeinen auszudrücken, ob Sie nun wollen oder nicht, denn mich wollte ich
dafür nicht nehmen, mir glaubt man ja nichts. Sie, liebe Stadtgemeinde, können
ja Ihre Schwesternstädte anklagen, weil die nicht von mir gewählt wurden, die
können Sie wegen Persönlichkeitsverletzung und Intimsphärenverletzung und
Wurstsemmel-Rechtsverletzung in Zugsabteilen verklagen, in einem Aufwasch mit
Ihrer Klage über mich, und da sind wir schon wieder beim Klagen, und alle
Klagen werden am Schluß im Stadtmuseum ausgestellt, mit zahlreichen Studien,
wie man es machen soll, damit man nicht geklagt wird, danke, nicht klagen kann
und auch keinen Grund zu klagen hat. Das Stadtgebiet in seinen Jugendjahren,
wie gesagt: verbaut, versaut mit schwerer dreckiger Industrie, und dabei soll
es grade von der nicht zuviel geben, grad nur einer Prise davon können wir
vertragen, der Fremdenverkehr verträgt gar keine. Früher: viel mehr! Bauland:
rar. Und um mit dem allgemeinen und weltweiten und universalen und genetisch
einprogrammierten Trend, nein, Drang nach einem Einfamilienhaus mithalten zu
können, hat der Bürgermeister, ein Hoch diesem Mann!, doch noch ein paar
weitere Baugründe erschließen können, die er uns aber auf Befragen nicht nennen
kann und die er von den Berghängen buchstäblich herunterkratzen mußte, der
damalige Bürgermeister, aber der jetzige bemüht sich auch sehr, das muß ich ihm
lassen, an Raum jedoch hat er nichts zuzugeben, er bemüht sich um dasselbe, die
Erschließung von Land, man stelle sich vor und reiche dann den Bauplan ein, er
wird bevorzugt behandelt werden. Wie etwas erschließen, von dem so wenig
vorhanden ist? Lohnt es sich denn überhaupt, dort noch eine Tür hineinzubauen,
damit man zusperren und dann wieder aufsperren kann, wenn auch nicht für sich
selbst, sondern für Fremde, die sich erholen wollen, wo früher das Gegenteil
stattfand: harte Arbeit? Es gibt hier kaum noch eingeborene, eingekochte
Menschen im gemütlichen Teigmantel, der für ihre Fernseher und die
dazugehörigen Pensionistinnen maßgeschneidert ist oder im Versandhandel
bestellt wurde, Versandhandel deshalb, damit die Menschen endlich eine
unendliche Sehnsucht bekommen und endlich selber weggehen. Damit sie dorthin
kommen, wo diese schönen Sachen alle ihren Ursprung haben, dieser Speckmantel,
Ätschspeck!, nein, falsch, ich sagte Teigmantel, den sie schon seit
Generationen tragen, aber Land für Einfamilienhäuser mit barock anmutenden
Fassadenlösungen (das gesamte Barock gibts heute schon fertig in Gips zu
kaufen, ein echter Fortschritt), aber auch für alle übrigen, soll immer noch
erschlossen werden (also mit einem Zipp geht das nicht, mit Klett nicht, mit
Klebe nicht, wie soll das gehen, daß wir nicht fortgehen wollen?), denn alles,
was zu ist, soll aufgemacht werden, die Menschen drängen ja immer genau
dorthin, wohin sie nicht sollen. Sie zerreißen sogar das Absperrband zum
Lawinenhang noch, obwohl sie leicht darunter durchtauchen könnten. Nur der zahlende
Fremde soll nachdrängen, wo Leere ist, doch wo Leere ist, will auch der Fremde
nicht hin. Egal. Die Baugründe gehen jedenfalls weg wie warme Leberkässemmeln,
und dann gehen sie von ihren Besitzern wieder weg, wenn die Halbfertighäuser,
in die man soviel Arbeit und Entbehrungen und Ehekrisen und Krisen mit dem Chef
und mit den Kindern und mit dem Auto, das gern hätte größer und schneller oder
gar nicht hätte ausfallen dürfen, gesteckt hat, wegen Schulden und plötzlicher,
jäh eingetretener Familientragödie und/oder Arbeitslosigkeit versteigert werden
müssen, kein großer Aufwand, sie gehören eh schon der Bank, und dort gehen sie
jetzt brav wieder hin, sie kennen ja den Weg, nach nicht einmal einem winzigen
kurz anhaltenden Rückenwind, der die Wirtschaft angetrieben hat, die bereits
wieder steht (das tut sie immer. Kaum daß sie einen Antrieb bekommen hat, steht
sie auch schon wieder), einer kleinen Böe, die den Menschen Aufwind zu geben
scheint, obwohl sie sie nur umschmeißt, endgültig zu Fall bringt, wo haben wir
die Jagdwaffe, das Werk zu vollenden? Es genügt ja nicht, daß nur der Papa sich
erschießt, die Familie muß mit ins Nichts, schließlich wollen wir auch dort
noch jemanden quälen, und Fremde lassen sich das von uns leider nicht gefallen,
ja, die Bank, dorthin gehen sie wieder zurück, die Schulden, die nicht
eingelöst werden konnten, die fauligen Kredite, die kilometerweit stinken, die
faulig riechenden Münder der Billigesser, wo sie einmal nach Hoffnung
geschnappt haben, in die Bank, grüß Gott, bitte nehmen Sie Platz, wir haben Sie
schon dreimal vorgeladen, wieso erschienen Sie nicht, wieso kommen Sie erst
heute? Zu spät! Da könnten Sie genauso gut fortgeschrittenen Krebs haben, denn
jetzt hilft Ihnen nichts mehr. So, jetzt erscheinen Sie endlich, doch Sie sind
ein Gespenst, sehen Sie das denn nicht, nein, das können Sie ja nicht sehen,
weil Sie nicht einmal mehr ein Spiegelbild haben! Also noch einmal: Grüß Gott,
auch Ihnen, was sagen Sie? Ich möchte bitte etwas abheben, und schauen Sie
diesmal gefälligst, daß meine Lebenskarte das Herz-As ist und nicht immer der
Treff-Sechser, sakra! Schon wieder! Glück im Spiel, Pech in der Liebe und
umgekehrt. Oder das Pik–As, denn dann muß ich meine gesamte Familie, auf die
ich eh schon einen Pik habe, eben, wie von andren Menschen gewohnt, früh
gelernt, denn was Hänschen mit dem Matador-Hämmerchen nicht lernt, lernt Hans
dafür mit besserem Gerät umso gründlicher, so muß ich sie denn mit der
Schrotflinte abschotten und dann wie Schrott wegschaffen, die Familie, denn
ohne Haus verdient sie es einfach nicht zu leben, und weil das Haus für sie weg
ist, verloren ist, trotz der Arbeit, die wir in diesen Kulturbeutel
Einfamilienhaus hineingesteckt haben. Was brauche ich denn noch eine Familie,
ich kann es nicht lassen, aktiv zu sein, aktiv zu werden, also weg mit ihr! Ich
sage hier: ich (E. J.), das Ganze, welches ich zu schaffen versuchte, ist eine
einzige Abschweifung geworden, ich weiß es selber, Sie müssen es mir nicht
eigens mitteilen, es ist leider keine Ausschweifung, die ich doch vorhin noch
so entschlossen plante, glauben Sie mir, die würde ich Ihnen viel lieber
bieten, die hätte ich selber gern, ich versuchs, ehrlich, jeden Tag aufs neue,
vielleicht kommt sie ja noch, aber von nichts kommt nichts, die Hand muß schon
von selber unter die Hose wandern gehen, nein, vielleicht kommt sie ja noch,
die Ausschweifung, sie würde darin bestehen, daß die Frau unter ihrer eigenen
Hand außer sich gerät, daß sie sich mit ihrer Hand wie eine Banane aus sich
herausschält, ich warte derzeit noch und arbeite mit den Fingern meiner rechten
Hand, auch genannt: die schöne Hand, an meinen zusammengefaßten
Genitalteilchen, den süßen, gebe ich glaublich, wie mein Akt in seiner schönen
Sprache sagt, an, ah, ich arbeite noch an mir, ich arbeite noch dran, bitte um
etwas Geduld, ich habe noch geschlossen, doch grade habe ich von meinem Genital
ein untrügliches Zeichen bekommen, ah, daß es bald aufmachen wird, daß ich bei
der Arbeit etwas schneller machen soll, grad hab ich doch was gehört, ah, daß
etwas wie ein Stöhnen aus meinem Mund,
dem anderen, erschallt, nein, doch nichts gehört, aber damit will ich Sie nur
bei der Stange halten, nein, sie kommt nicht, diese Ausschweifung, was immer
ich drunter verstehe, es ist stets weniger, als Sie darunter verstehen, denn
Sie kennen sich aus, ich beneide Sie, aber Sie haben gut reden, Sie liegen ja
nicht darunter, und wärs unter diesem Lastwagen, ah, glauben Sie mir oder
nicht! Ihre Sache. Sie kommt nicht, die Ausschweifung, und ich komme auch
nicht. Meine Schamlippen werden, nachdem sie ihre Arbeit verloren haben,
vielleicht immer noch neue und interessante Erfahrungen machen, wenn auch nicht
mit mir, sie wissen jedoch, daß sie in ca. zehn Jahren, nach ihrer derzeitigen
Teilzeitarbeit, endgültig in Pension gehen werden, zur gleichen Zeit wie ich
selbst, wir sind uns ja innig verbunden, alles klar, jetzt sind sie noch in
Gleitmittelpension, die früher Frühpension hieß, und warten noch auf etwas, in
zehn Jahren kann sich viel ändern, und ein andrer könnte sich meines Körpers
annehmen, aber es ist derzeit nicht anzunehmen, daß mich ein andrer annimmt und
mir zeigt, wie man zu mehr Bequemlichkeit beim Leben kommt, ohne daß man sich
anstrengen müßte, weil sich ja der Körper stets zuverlässig für einen anstrengen
wird. Es kann sein, daß ich früher als geplant in Pension gehen muß und meine
Organe mit mir, und Pension, das heißt für sie Tod und für mich auch. Aber
andrerseits will ich sie auch nicht ewig für mich arbeiten lassen, sie sollen
zumindest ihre faire Chance auf eine Pause bekommen, es ist eine furchtbare
Vorstellung für meine Sexorgane, die schon seit fünfzehn Jahren Pause machen,
nein, das ist gelogen, sie arbeiten eh brav, aber sie bedauern durch mich,
durch meine Stimme hindurch, die so schleißig ist, daß man diese Organe durch
mich hindurch sogar sehen kann, ohne mich selbst sehen zu müssen (uff, da hab
ich nochmal Glück gehabt! Ansehnlich bin ich ja gewiß nicht mehr), daß sie nun
gar nichts mehr von ihrem Leben haben sollen, zu wissen, schon fünfzehn Jahre
zuvor zu wissen, daß es die nächsten fünfzehn Jahre nichts mehr geben wird,
nach dem sie sich verzehren könnten, ich meine: wirklich zu wissen, daß es
Ihnen auch in den nächsten zehn Jahren (Sie sehen, wir denken jetzt in kürzeren
Zeiträumen, da wir nicht mehr soviel vor uns haben wie noch vor fünfzehn,
zwanzig Jahren) geschehen wird, nämlich: gar nichts. Dem Bergmann geschieht
auch nichts, falls er Glück hat und nicht in Sibirien, Polen oder China lebt,
aber er hat auch nichts mehr zu tun, der Bergbau wurde früher als gedacht und
vorausgeplant: abgebaut. Das hat wieder schlimmere Folgen, als mein Körper zu
gewärtigen, zu gegenwärtigen hat, wenn er mir den Dienst kündigt und nicht mehr
in Rage gerät, wenn ich mir an meine Schamlippen fasse und zu meinem Entsetzen
merke: Sie sind ja immer noch da und wollen auch heute wieder ihr Fressen! Ich
kann sie nicht hungern lassen! Die müssen jetzt was tun, denn wer nicht
arbeitet, soll auch nicht essen. Wenn sie schon da sind, sollen sie auch was zu
tun kriegen. Sie wissen im Schlaf, wie das geht, so oft haben sie es gemacht.
War auch irgendwie anstrengend, aber doch entspannend, Arbeit und Freizeit
zugleich für meinen Körper, wo sonst kriegt man das schon? Meist muß man die
beiden getrennt halten, damit sie einander nicht gegenseitig aus Neid an die
Gurgel gehen, obwohl viele es nicht schaffen und in der Illusion leben, sie
wären ganz sie selbst, wenn sie glauben, ganz sie selbst zu sein. Dann sind sie
es am wenigsten. Sobald man über sich nachdenkt, wird man verrückt und wird
danach lang nicht mehr bei sich gewesen sein. Manche schaffen es ja auch nicht,
Arbeit und Liebe getrennt zu halten, sie wollen beides und auch noch beides
gemeinsam, schauen Sie dieses arme Kind hier im TV an und dort, in der
Zeitschrift kommt es auch vor, und aus dem Mund eines verbeamteten
Wissenschaftlers, der gefahrlos alles sagen darf und der grade zu seinem Pech
in mein Blickfeld geraten ist und den Ausgang nicht mehr findet, quillt es auch
schon heraus, und überlegen Sie mal dieses grauenhafte Schicksal des vollkommen
Isoliert- und Eingesperrtseins (ach, könnte ich es doch anders sagen, aber sie
haben es mir so oft vorgesagt, daß ich es hier einfach abschreibe, ich bin
sowieso abgeschrieben, warum sollte ich also nicht auch ein wenig davon haben,
indem ich mal von andren abschreibe, egal, von wo ich es hernehme, von einem
fremden Schicksal, na, meinetwegen), LIEBES TAGEBUCH, auf daß du ein Schicksal,
mindestens eines, aber nicht meines enthalten mögest, nimm halt dieses: Das
Kind in seinem Kellerverlies unter der Garage; heute ist es bereits kein Kind
mehr, tut mir leid, nicht meine Schuld, Kinder kriegen wir zwar immer wieder
aufs Lager herein, aber diese junge Frau ist keins mehr, sie war zu kurz eines,
sie wurde von ihrem Ritter in seinem schimmernden weißen Kleinbus irgendwie ja
auch geliebt, erfahre ich hier in meinem eigenen Bus mit meinem eigenen
Bustreiber, der dauernd hinter mir her ist, weil er mir unbedingt die Zeitung
ins Haus liefern möchte, erklär mir Liebe, bitte sehr: Liebe kommt, indem man
die anfängliche Verweigerung einer Person wegradiert und sich dann, bevor das
Pneuma die Tür schließen kann, in diese hineindrängt. Das Lieben, ja, das
Lieben, das wäre der kleinen N. geblieben, wer von uns liebte schon einmal so
sehr? Jeder würde gern so lieben, bis das geliebte Objekt vollständig
ausradiert und nur man selber noch übrig ist, gleich fallen mir die Augen
heraus vor lauter Anstrengung, wach zu bleiben und solch ein Objekt ausfindig
zu machen, das so etwas, soviel Liebe, verdienen würde, oh, ich sehe gleich
drei, vier davon, denen ich das angedeihen lassen würde, wenn sie mich nur
ließen. Und danach, da man sein Eigentum im Licht der Richtigkeit erkannt und
einen Richtspruch darüber gesprochen hat, daß man Herr über Leben und Tod ist,
auch wenn man im Zivilberuf nur alte Wohnungen saniert inkl. deren
Herzenskammern, den Naßzellen, welche besonders viel Arbeit machen, danach also
ein kleiner Ausflug gefällig?, ein Abstecher in einen selbst? Nein, wir wollen
die kleine Freundin doch herzeigen, also auf in ein andres Kaff, weg aus dem
Herzkammerl mit dem Herzbinkerl und zum Lufttanken in ein andres
niederösterreichisches Kaff, auf den Semmering, das macht er, der kleine König
Herodes, der er war, er fährt Ski, und zwar mit N. („man töte dies Kind“, Sie
werden doch nicht erwarten, daß ich das selber mache?), ja, der hat einst auch
geliebt, dieser spätberufene Skifahrer, wie ich, die ich auch einmal geliebt
habe und Ski gefahren bin, nein, zweimal, nein, dreimal, öfter!, das schreibe
ich hier so hin, andre schreiben es auch, aber denen glaubt man mehr, und ich
verschwinde jetzt. Nein, doch nicht. Noch nicht! Haha, zu früh gefreut! Ich
will noch nicht! Man töte meine Augen! Will nichts mehr mit ihnen sehen! Man
zerquetsche mein Hirn unter einem Schild, auf dem steht: Trutsche, veraltete
Trutsche, alte Trutsche! Platz! Kusch!, aber er mußte sich die, die er lieben
konnte, erst suchen, der Herr P., hier in Folge manchmal Ritter genannt, nein,
Retter denn doch nicht, und das ist mehr Arbeit als ich, wenn Sie mich schon
fragen, nein, tun Sie nicht, je für sowas auf mich genommen habe, was kommt
jetzt? Ach ja, blinder Haß gegen alles und jeden, ja, ja, spring nur wieder
fröhlich über die Lippenklippen, mein kleines Haßbächlein! Es nützt dir nichts
und mir auch nichts! Denn die Stromschnelle kommt, sie kommt schon dort vorn
und sie ist echt schnell, davon hat sie ihren Namen, das hab ich jetzt davon!
Dies alles spielt sich so ab, weil die Menschen in der Liebe spielen wollen,
sie wollen nur spielen, diese Raubtiere, denen ich gönne, daß sie nie
eingeladen werden und daher Einzelgänger werden, denen was fehlt, was sie sich
unverzüglich holen, nachdem sie ein privates Gefängnis dafür gebaut haben, und
wer wollte, um seine Empfindsamkeit zu beweisen, das geliebte Objekt nicht gern
einsperren, zumindest ab und zu wegsperren und den Schlüssel wegschmeißen? Das
muß ich irgendwo gelesen haben, denn von selber wäre ich da nie draufgekommen.
Wird auch dies etwa behauptet von unseren treuen Medien, durch die alles
hindurchgeht und die zu uns gehören wie das Messer zur Butter und der
Samnaun-Gletscher zu Ischgl (falls Sie mal wegfahren und runterfahren und
danach riesigen Formationen von furchterregenden SängerInnen auf einer
FreiluftbühnIn und ihren noch furchtbareren ZuschauerInnen zuhören wollen,
bevor Sie in einer GletscherrInnin fortgespült werden) oder der Similaun zu
Ötzi, der Mumie, und so mußte auch das Kind, vielleicht um dieser einen
einzigen Liebe (daß wir sie danach nicht geliebt haben, gibt ihm ja recht,
lesen Sie die Postings in dieser elektrischen Zeitung und in dieser dort auch!)
auch würdig zu werden, einer Liebe, die jeder simple Teigwarenvertreter, der
vernünftiger ist als ein Tier und seine Nudel nicht ins kochende Wasser steckt
(und das sind viele!), in seiner Schläfrigkeit für eine
Schlaraffenlandvorstellung des größten Gefühls hält, das es gibt, das Kind
mußte seine Liebe also selbst beweisen, sonst hätte sein Besitzer ihm die Liebe
doch nie abgenommen, diesen Stein mit den Wesenszügen seiner Macht, zum
Steinerweichen und Fliesenverlegen war das, aber den Wesenszug des Liebenden
kann ich darin noch gut erkennen, oder ist es mein Spiegelbild, das ich hier
erkenne? Oder spricht wieder einmal der blanke Neid aus mir? Danke, daß Sie mir
das mit der Liebe jetzt erklärt haben, ich glaube Ihnen, obwohl ich Sie nicht
persönlich kenne, leider, ich habe das zuvor noch nie gehört, und da wurden sie
demnach verlegt, die Fliesen, genau wie die Körper, die man sich ausgesucht
hat, die ausgesucht häßlichen Sanitärkeramiken in ausgesucht häßlichen Farben,
meist beige in allen Varianten und Hybriden, in einem ganz anderen Geschoß, das
es im Haus auch noch gab, ja, Kacheln, Fliesen verlegen, das mußte sie, die
kleine N., und jede einzelne mußte sie zuvor, vor dem Hinlegen und Einmauern,
genau überprüfen, ob sie einen Sprung hatte, die Fliese, bevor die N., Sie
wissen ja, wie sie zur Gänze heißt, das Teil einzementierte oder was man halt
mit Fliesen so macht, wenn sie nämlich einen Sprung hatte, die Fliese, dann
wurde das Kind vielleicht verprügelt
von seinem Besitzer, je nach Lust und Laune, je nachdem, ich weiß es nicht,
wahrscheinlich wurde es sowieso versprügelt, je nachdem, welche Lust und/oder
Laune der grade hatte, ich weiß es nicht, das hing ganz von ihm ab, die Laune
hängt schließlich an uns wie die Liebe, an der eher wir hängen, um sie jemand
anderem anhängen zu können, naja, vielleicht wechselt sie schneller, die
Laune, vergleichen wir sie lieber mit
dem Wetter, welches wetterwendisch ist, und hat sie uns einmal heimgesucht,
dann sind wir ihr ausgeliefert. Es gibt aber auch Dinge, die fest stehen, ich
meine feststehen. In meinem Einfamilienhaus bin ich König, sagte Herr P., nein,
eher Prinz und Prinzessin, sage ich, die Liebesexpertin, nein, nicht ich, das
sagt ein andrer Liebesexperte, hier, ja hier, in dieser Zeitung steht es doch,
haben Sie denn keine Augen?, der jetzt aufwendig seine Definitionsmacht
entfaltet und merkt, daß die Flügel ein Loch haben und er sich in der dünnen
Luft ganz oben nicht lang halten wird können. Aber die Körper halten
schließlich auch nicht sehr lang. Vielleicht war das alles auch ganz anders,
ich weiß es nicht, aber in Einfamilienhäusern ist nie etwas anders als in
anderen Einfamilienhäusern. Fragen Sie mich, ich schreibe Ihnen gern eine
Bestätigung, daß das wahr ist! Ich kenne überhaupt nichts so gut wie
Einfamilienhäuser und die Mühe, die man mit ihnen hat. Ständig ist was
hin. Und für das Kacheln, das Verlegen
und Wiederfinden von Fliesen, ging natürlich viel Zeit drauf, in der das
Mädchen aus seinem Loch ein andres Loch nach außen hätte bohren können, die
kleine N., um ihr Rapunzelhaar hinauszuhängen, damit jemand als Hilfe an dem
Haar zu ihr hinaufklettern hätte können, aber das hat nicht funktionieren
können, da sie doch im Keller, genauer gesagt in einer Montagegrube unter der
Einfamilienhausgarage, aufhältig war
und die Schwerkraft dem Haar grundsätzlich nicht gestattet, zu Berge zu stehen
– nicht einmal unter Einsatz von äußerstem Entsetzen und sehr viel Gel plus
Festiger funktioniert sowas (auf dem Werbefoto schaut das so leicht aus fürs
Haar, aber wenn es das machen soll, zu Berge stehen, dann hält es das nicht
lang aus), obwohl davon schon wirklich überall berichtet wurde. So auch hier.
Das Haar vom Kopf herablassen und dann außen vor und herauflassen ins
Erdgeschoß, um jemand nach unten, in den Schoß der Erde, um Hilfe zu schicken,
zu holen, wer wollte das nicht, aber oft ist das Haar außerdem, zu allem
Unglück, zu dünn, durch Spliß weiter ausgedorrt, durch zu häufiges Färben von
außen her ausgehöhlt und muß durch Schweiß, nein, durch Anschweißen verstärkt
werden. Unter der Erde sind allein die Toten, und die sind gern allein, die
brauchen keine Hilfe mehr, die könnten damit gar nichts anfangen. Und auf Erden
sind die gütigen Freunde und Helfer in Uniform oder ganz ohne, fast ganz ohne,
die der Herr Ex-Finanzminister auf diesem schönen Foto, das rein privat ist,
diese Freunde und Helfer, wenn auch nicht fürs Bruttoinlandsprodukt, sind auch
nicht ohne, ich weiß nur eins, in Strasshof in Niederösterreich sind sie nicht
gewesen, die Helfer, es wäre besser gewesen, sie wären dorthin gefahren, aber
die wären selbstverständlich sofort gekommen, hätten sie bloß gewußt wohin,
hätten sie bloß gewußt, daß sie nach Strasshof in Niederösterreich hätten
fahren sollen, na, jetzt wissen sies, viel zu spät, und hätte es eine
Spendenaktion gegeben, da würden wir alle gespendet haben, die Kontonummer darf
auch ins Fernsehn, es wird gebetet und gespendet, daß die kleine N. gesund wieder
zurückkommen möge, nein, weil sie gesund wieder zu uns zurückgekommen ist, die
Lage hat sich ja drastisch und dramatisch geändert, und bitte, da ist sie ja
schon, wie schön! So ein hübsches Mädel! Wenn sogar für Krüppel und Arme
gespendet wird, warum nicht für eine junge und gesunde junge Frau, nur leicht
durch Blutergüsse, blaue Flecken und Hämatome beschädigt, das vergeht wieder,
eine, die etwas davon hat und sogar etwas davon weitergeben möchte, also ich
finde das wunderbar von ihr, wie ein größerer Mensch als ich, der eigene
Festspiele hat, oft zu sagen pflegt, nein, Sie kennen ihn nicht, da hätten wir
uns mit unseren Spenden dermaßen gedrängelt, wenn wir hätten helfen können, daß
wir das Loch nicht mehr gefunden hätten, das der tüchtige Heimwerker aber an
einer Stelle gelassen hat, die einfach nicht zu finden war, von keinem, nicht
einmal von seiner eigenen Mama, die hätte doch nie im Leben gedacht, da dort
ein Loch war, aber dann hat der Heim-Werker den guten Eindruck, den er mit
soviel Fleiß und uns zu Fleiß gemacht hat, damit wir ihn nicht finden, diesen
unauffälligen Mann, der natürlich unauffällig sein mußte, und seine
Unauffälligkeit war echt natürlich, echt Natur, der wäre nirgendwo
aufgefallen!, zum Glück, zu seinem Glück, aber diesen Eindruck, keinen Eindruck
zu machen, hat er wieder ruiniert, indem er diesen Türpfropfen, im
Erschwernisgrad von 150 kg Beton, ins Loch hineingesteckt hat, so kommt mir und
nicht nur mir das vor. Den Abfluß hat er natürlich verstopft, bevor er das Kind
einkaufen ging, sonst hätte womöglich das Kind nachher ihn verstopft, den
Abfluß, und er hätte einen Installateur holen müssen, nein, nicht der Abfluß,
der kann nicht selber gehen.
Und hier, in Amstetten, kommt schon die nächste Tür, nein, sie kommt nicht,
dafür ist sie zu schwer und ungelenk, trotz ihrer Gelenke, sie trotzt auf
unerklärliche Weise der Schwäche des Menschen und wird, diesmal overkill,
gleich 300 kg schwer gemacht, um den dahinter Eingesperrten das Leben
möglichst schwer zu machen, und mit modernster Elektronik ausgestattet,
im eigens ausgebauten Keller eingebaut, die Hochleistungstür,
acht Hochleistungstüren, jede versperrbar, dahinter die
Tochter eingesperrt und drei Kinder, die gleichzeitig Kinder wie Enkel sind,
alle vier daruntergekehrt, streckenweise auf allen Vieren kriechend, denn
diese Kellerräume sind nicht hoch, sie sind niedrig. So. Alle wissen es.
Jetzt sind aber schon wieder wir dran. Wir haben kurz geatmet, und dann
waren wir wieder dran. Wir Spender für eine gute Sache, jedesmal eine
andre, wir strömen also in einem nie abreißenden Strom, wie sollte ein Strom
auch abreißen können, vorbei, ich spende nicht, nein, aber hier komme ich noch
nicht vor, erst etwas später, aber trotzdem gehöre auch ich zu diesem sich
erhebenden und erhobenen Wir, und wir unterscheiden uns doch alle wohltuend von
den Opfern, finden Sie nicht? Also können wir auch ruhig spenden. Sie finden
Ihre Scheidung und das Sorgerecht und die lächerliche Höhe der
Unterhaltspflicht Ihres Gatten, die immer noch weiter schrumpft, was man von
anderen Pflichten leider nicht zu erwarten hat (existentielles Minimum!, pro
neues Kind wird Ihnen was abgezogen, und eigentlich verdienen Sie gar nichts,
weil Sie den Haushalt nicht ordentlich geführt haben und überhaupt vollkommen
wahnsinnig sind, was wir beweisen können, sehen wir doch, daß Sie ihre drei
Töchter jahrelang freudlos, lichtlos, im Dreck, dafür aber mit hohen
Unterhaltszahlungen, der Papa war gewiß nicht knausrig in diesem Fall, und über
300 Plüschtieren gemeinsam eingesperrt haben!), etwa ungerecht? Stellen Sie
sich hinten an, ich bestimme hier, wer was bezahlen muß! Lebend begraben dort
unten im Verlies, in der Grube, eine
lebende Tote das Mädchen, folgen Sie nicht seinem Weg, einem Weg, dem es selbst
nicht hätte folgen wollen, aber folgen mußte. Aufgrund des schrecklichen
inneren Zwangs zu einer vollkommen hermetischen Einkapselung, ein Drang, den
der Verbrecher wohl verspürte – ja, liest der denn keine Zeitungen, wo unser
Anspruch bezeugt ist? –, haben wir alle nicht sehen können, was er mit dem Kind
gemacht hat, ein wahrer Jammer, bis heute wissen wir es nicht, es sagt uns ja
keiner, der Verbrecher, der das Kind sich holte, kann es uns auch nicht mehr
sagen, bei ihm waren nur er und das Kind, alle andren waren immer schon
draußen, er aber wollte endgültig drinnen sein, wenn auch nicht allein, zu
zwein, mehr drinnen als draußen, aber nicht allein, nein, ich meine mehr
drinnen, als man überhaupt drinnen sein kann in etwas, allerdings nicht allein,
er wollte in seinen Fetisch hineinkriechen, nicht damit der Fetisch für ihn
etwas bewirkte, sondern damit er eins mit ihm würde und allem, was der Fetisch
bewirken könnte, Tod ohne Tabu, sterben Sie tabufrei!, weil ihn, den
Körperschnapper (immerhin hat er die kleine N. nicht gegessen! Aber das wäre
eine andre Eintragung ins Mitteilungsbuch der Öffentlichkeit geworden, dieser
anthropophage Mann, welcher einen andren aß, war ganz anders krank als jeder
von uns), von draußen niemand nach Drinnen ließ, in ein heiß pochendes
pochiertes Kinderherz hinein, in ein liebes, das man ins heiße Wasser gestoßen
hatte, und wenn, dann wäre es wahrscheinlich keine Jungfrau mehr gewesen, was
er sich |